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Montag, 24. Juli 2017

Licinius Sura, der zweite Mann im Staat

Lucius Licinius Sura stammte aus Tarraco (Tarragona), der Provinzhauptstadt der Tarraconensis im heutigen Spanien. Zu jener Zeit zählten Männer aus den Provinzen Spaniens und Galliens bereits zu den Mächtigsten in Rom. Sura war der engste Freund und Vertraute Trajans. Er ebnete ihm den Weg zur Macht und unterstützte ihn Zeit seines Lebens.

Es ist möglich, dass sich Sura in Rom für Trajan einsetzte. Höchstwahrscheinlich aber war er im entscheidenden Jahr 97 einer jener Provinzstatthalter, die dem künftigen Caesar auch mit Truppen zur Seite standen. Vermutlich hielt er sich in Niedergermanien (Germania inferior) auf.

Suras Ämterlaufbahn ist nicht genau überliefert, manche Stationen werden vermutet. Er muss um 93 zum ersten Mal Konsul gewesen sein. Den zweiten Konsulat erhielt er 102; 107 wurde ihm die außerordentliche Ehre eines dritten Konsulats zuteil. Er war vermutlich etwas älter als Trajan. Plinius der Jüngere richtete zwei Briefe an ihn und spielte darin auf dessen Gelehrsamkeit und wissenschaftliches Interesse an. Sura förderte die Literatur: Der Dichter Martial zählte ihn zu seinen Gönnern und erwähnte ihn in seinen Epigrammen. Von Martial wissen wir, dass Sura im Jahr 91 lebensgefährlich erkrankte: Der Dichter feierte seine Genesung. (Martial, Epigramme, VII 47)

Licinius Sura verfasste die Reden Trajans. Jener gebildete, sprachgewandte Mann war aber auch Legionslegat und Stabschef in den Dakerkriegen. Auf dem Relief der Trajanssäule wird Sura als ständiger Begleiter des Kaisers identifiziert. Auffassungen, wonach gebildete, schöngeistige Persönlichkeiten bestenfalls widerwillig militärische Aufgaben übernahmen, sind modern und haben mit den damaligen Verhältnissen wenig zu tun. Man findet sie in Romanen wie Marguerite Yourcenars "Ich zähmte die Wölfin" oder Gerd Trommers "Wahn der Macht". Wenn M. Yourcenar von einer "Kriegspartei" am Hofe Trajans schreibt, ist dies Ausdruck literarischer Freiheit. Licinius Suras Karriere widerlegt derartige Kategorisierungen. Er und die Gardepräfekten Livianus und Attianus waren in Feldzügen, aber auch in Friedensjahren die wichtigsten Männer im Umfeld des Kaisers - und sie waren Freunde Hadrians. Zwar gab es im alten Rom ausgesprochene Militärkarrieren, aber auch die erfolgreichsten Feldherren haben in ihrer Laufbahn zivile Ämter bekleidet. Und ebenso war es üblich, dass jeder künftige Staatsmann einige Monate oder Jahre als Militärtribun diente.

Zusammen mit dem Gardepräfekten Claudius Livianus verhandelte Licinius Sura im Jahr 102 mit den Dakern um Frieden. Auf dakischer Seite wurden die Verhandlungen von Diegis, dem Bruder König Decebals, geführt. Solche Situationen waren nicht ungefährlich. Zu Beginn des zweiten Dakerkrieges geriet der römische Heerführer Longinus unter ähnlichen Umständen in dakische Gefangenschaft.

Sura ließ Thermen in Rom bauen und folgte damit dem Engagement des Kaisers, der ein umfangreiches Bauprogramm in Rom und Italien startete. Ebenso wie Trajan soll er sich für Knaben und junge Männer begeistert haben. Wir wissen zwar von keiner Ehefrau Suras, aber höchstwahrscheinlich war er verheiratet, wie das von einem Senator erwartet wurde. Seine persönlichen sexuellen Vorlieben waren in dieser Hinsicht bedeutungslos.

Sura hätte auf Grund seiner gesellschaftlichen Stellung selbst die Herrschaft übernehmen können. Aus unbekannten Gründen zog er es vor, der zweitmächtigste Mann nach dem Kaiser zu sein. Er unterstützte Hadrian als potentiellen Nachfolger. Eine derart einflussreiche Persönlichkeit war auch mit Neid und Verleumdung konfrontiert. Im Band 68 seines Geschichtswerkes, das nur in Auszügen erhalten ist, berichtet Cassius Dio von diesen Intrigen. Als die Neider allzu beharrlich wurden und vor Trajan behaupteten, Sura wolle ihn umbringen, tat der Kaiser etwas, womit jene Leute wohl nicht rechneten. Er besuchte seinen Freund unangemeldet und ohne Bewachung. Zunächst ließ er sich von Suras Arzt behandeln, dann von dessen Barbier rasieren. Anschließend nahm er ein Bad und aß zu Abend. Am nächsten Tag sagte er zu denen, die ihn warnen wollten: "Wenn Sura gewünscht hätte, mich zu töten, dann hätte er es gestern tun können." Licinius Sura muss zwischen 108 und 113 gestorben sein. Kaiser und Senat ehrten ihn durch ein Staatsbegräbnis. Nach Suras Tod übernahm Hadrian die Aufgabe, Trajans Reden zu schreiben.

Ich muss gestehen: Mein Held in dem berühmten Roman "Quo vadis" von Henryk Sienkiewicz war nicht Vinicius, sondern Petronius, der arbiter elegantiarum. Ich stelle mir Licinius Sura ein wenig wie Petronius vor. Vielleicht war er nicht so spöttisch wie der Verfasser des Satyricon, und Trajan war, wie er selbst bekannte, kein Nero. (Plinius, Briefe, VI 31 (9))

Quellen und Literatur:

Cassius Dio, Epitome of Book 68

Karl Strobel, Kaiser Traian, darin: Die Thronfolgekrise des Jahres 97, Verlag Pustet, Regensburg 2010, ISBN 978-3-7917-2172-9

Geza Alföldy, Epigraphische Studien 3: Die Legionslegaten der Römischen Rheinarmeen, darin: L. Licinius Sura, Böhlau Verlag Köln, ISBN13: 9783412315672

Sonntag, 8. April 2018

Lucius Julius Ursus Servianus

Servianus wurde um 47 geboren. Er stammte wie Trajan, dessen Vertrauter er war, aus einer Provinz, eventuell aus Gallien. Er wurde von Domitians Gardepräfekten Julius Ursus adoptiert. Jener war ein enger Freud Trajans und ebnete ihm den Weg zur Herrschaft. Vermutlich waren beide Männer Anhänger von Trajans Vater.

Servianus war mit Hadrians Schwester Paulina verheiratet. Als Trajan von Nerva adoptiert und zum Mitregenten erhoben wurde, war er Statthalter der Provinz Germania superior. In Folge gab er dieses Amt an Servianus ab und begab sich nach Colonia Claudia Ara Agrippinensis (Köln). Hadrian wiederum diente unter seinem älteren Schwager in Mogontiacum (Mainz) als Militärtribun. Anfang 98 starb Nerva, und Trajan wurde Alleinherrscher.

Die Hadrian-Biografie der Historia Augusta berichtet, dass Servianus Hadrian erst lange aufhielt und außerdem seinen Reisewagen manipulierte, um zu verhindern, dass dieser als erster Gratulant bei Trajan ankam. Hadrian soll dennoch schneller als der Bote des Servianus unterwegs gewesen sein. Jene Geschichte ist schon deswegen fragwürdig, weil ein Schnellbote wohl kaum mit dem Wagen reiste, sondern zu Pferde. Auch soll sich Servianus bei Trajan über Hadrians Lebensstil und Schulden beschwert haben. Letzteres halte ich, da Trajan für Hadrians Erziehung und Karriere verantwortlich war, für wahrscheinlich.

Servianus unterstützte vielleicht nicht die Interessen Hadrians als Nachfolger Trajans, aber auch das ist hypothetisch. Neben Licinius Sura zählte er zu den bedeutendsten Ratgebern des Kaisers. Sura unterstützte Hadrian als Nachfolgekandidat Trajans. Mit seinem dritten Konsulat überflügelte Sura Servianus an Ehre und Prestige.

Servianus bereitete den ersten Dakerkrieg vor und nahm als Begleiter des Kaisers daran teil. Für seine Verdienste wurde er 102 mit dem Konsulat belohnt, das er gemeinsam mit Licinius Sura bekleidete. Während Sura auch im zweiten Dakerkrieg enger Berater des Kaisers war und 107 mit einem dritten Konsulat geehrt wurde, wissen wir nichts von Tätigkeiten, Ämtern oder Auszeichnungen des Servianus. Ebenso wenig ist eine Teilnahme jenes Mannes am Partherkrieg Trajans überliefert. Man könnte daraus schließen, dass es irgendwann zu einer Entfremdung zwischen Trajan und Servianus kam, aber nichts dergleichen ist überliefert.

Servianus war ein Freund und Förderer Plinius des Jüngeren. Er ist Adressat zweier Briefe in dessen Briefsammlung. In III, 17 ist Plinius in Sorge um ihn, weil er lange keine Nachricht von ihm erhalten hat. In VI, 26 beglückwünscht er ihn zur Hochzeit seiner Tochter, der Nichte Hadrians, mit Fuscus Salinator, den er als Patrizier und gebildeten, sympathischen, charakterfesten Mann beschreibt. In X, 2 bedankt sich Plinius beim Kaiser für die Verleihung des Dreikinderrechtes, das mit besseren Aufstiegschancen und Steuervergünstigungen verbunden war, und erwähnt, dass er diese Gunst der Fürbitte des Servianus verdankte.

Servianus überlebte Trajan um viele Jahre. Hadrian ehrte seinen betagten Schwager und ernannte den über Achtzigjährigen zum Konsul des Jahres 134. Aber zwei Jahre später fiel Servianus in Ungnade. Hadrian hatte Lucius Ceionius Commodus adoptiert und verdächtigte Servianus, gemeinsam mit seinem Enkel Gnaeus Pedanius Fuscus Salinator gegen seinen Nachfolger zu intrigieren. Die Historia Augusta berichtet, dass Servianus die Götter zu Zeugen für seine Unschuld anrief und Hadrian einen qualvollen Tod wünschte. Servianus und der erst neunzehnjährige Fuscus starben, entweder durch Freitod oder Hinrichtung.

Quellen:

Historia Augusta: Hadrianus, Artemis Verlag Zürich und München, 1976, ISBN 3 7608 3568 6

Cassius Dio: Epitome of Book 68

Sonntag, 16. Februar 2020

Der zweite Dakerkrieg Kaiser Trajans 105-106 n.Chr.

Den Friedensschluss im Herbst 102 sahen beide Seiten nicht als Dauerlösung an. Die Römer bauten ihre Straßen und Heerlager aus und die ca. einen Kilometer lange Donaubrücke wurde unter der Leitung des Baumeisters Apollodoros von Damaskus errichtet. Decebal wiederum rüstete auf, ließ seine Befestigungen wieder aufbauen, warb wieder römische Überläufer an und bemühte sich um Verbündete gegen Rom. Er verstieß damit klar gegen den Vertrag, aber ihm blieb kaum eine andere Wahl, denn ihm war klar, dass Trajan die Verluste unter den römischen Soldaten rächen und das Dakerreich erobern wollte.

Sonntag, 20. August 2017

Rezension zu "Wahn der Macht" von Gerd Trommer

"Wahn der Macht" ist 1987 in der DDR im prisma-Verlag erschienen. Mit dem Untertitel "kulturgeschichtlicher Roman um Trajan" wird das Werk spezifiziert. Cover, Abbildungen, Zeittafel, Begriffserklärungen, eine Übersicht über historische und erfundene Personen sowie eine Karte über die Ausdehnung des Römischen Reiches zu jener Zeit lassen keinen Zweifel daran, dass der Autor in seinem Roman Authentizität anstrebte.

Das Buch ist auch heute noch antiquarisch erhältlich, und ich kann es historisch interessierten Lesern guten Gewissens empfehlen. Es knüpft inhaltlich an "Triumph der Besiegten" an, einen Roman, der die Zeit Kaiser Domitians behandelt. Meine Erinnerung an den ersten Roman ist verblasst und er soll auch nicht Gegenstand dieses Textes sein.

"Wahn der Macht" beginnt mit der Krise in Rom nach der Ermordung Domitians. Kaiser Nerva gerät unter Druck mehrerer einflussreicher Personen, die ihm raten, einen Nachfolger zu bestimmen und ihn zum Mitregenten zu erheben. Mögliche Nachfolger sind Curiatius Maternus in Syrien und Ulpius Trajanus in Obergermanien. Der Gruppe um Licinius Sura gelingt es schließlich, ihren Kandidaten Trajan durchzusetzen, obwohl Nerva sich bereits für Maternus entschieden hatte. Trajan wird Nachfolger Nervas und betritt die weltpolitische Bühne, die er bald schon nach seinen Vorstellungen prägt. Hauptperson ist Marcus Soranus, Spross einer alten Familie, die der Senatsopposition unter den Flaviern angehörte. Als Bote von Sura nach Germanien geschickt, ist Marcus bald von Trajans Charisma eingenommen. Der Autor beschreibt den Kaiser als einen energischen Mann, der Menschen für sich gewinnt und auch durch seine äußere Erscheinung beeindruckt.

Sura, der "Kaisermacher", muss sich bald eingestehen, dass er Trajan nicht wie eine Marionette lenken kann und dieser schon bald seine eigene Politik macht. Als geborener Soldat rüstet er zum Krieg gegen den Dakerkönig Decebal. Bedenken seines Vaters gegenüber der Politik des neuen Kaisers lässt Marcus Soranus nicht zu. Auch sein Freund Fulvius Rusticus ist, obwohl bekennender Soldat, kein begeisterter Anhänger des neuen Herrschers.

Zwischen den Dakerkriegen beginnt Trajan, durch gewaltige Bauprojekte, vor allem sein neues Forum, Rom umzugestalten. Nur durch Gesten der Bescheidenheit und des Entgegenkommens unterscheidet er sich vom Tyrannen Domitian. Dass er Beschlüsse vom Senat bestätigen lässt, ist reine Formsache.

Zwischenzeitlich entfremden sich Sura und der Kaiser voneinander. Als Trajan eine Alexander-Biografie Plutarchs liest, verfällt er seinem Alexander-Traum, der sich bald zum Wahn steigert und dazu führt, dass er den Partherkrieg beginnt. Einer der Söhne des Soranus fällt in diesem Krieg. Der andere Sohn wirft dem Kaiser in seiner Verzweiflung das Schwert vor die Füße und kritisiert dessen Politik. Marcus bittet Trajan, das Leben seines Sohnes zu schonen, und bietet sein eigenes. Der Kaiser begnadigt beide, entlässt sie jedoch aus dem Heer. Es folgen die vergebliche Belagerung Hatras, die Erkrankung des Kaisers und dessen Ende als Pflegefall. Ein Vertrauter des Curiatius Maternus resümiert, dass Trajan ihm, seinem Konkurrenten, beweisen wollte, dass er die Macht zu Recht besaß.

Gerd Trommer hat die Quellen und den Stand der modernen Forschung in den Roman einfließen lassen. Seine Interpretationen der Fakten bewegen sich im Rahmen der Freiheiten, die einem Romanautor offen stehen. Es gefällt mir, dass gewisse Animositäten unter Persönlichkeiten, die in der Zukunft schwerwiegende Folgen haben würden, schon zu Beginn der Handlung deutlich werden, so zwischen Attianus und den vier Konsularen oder Hadrian und dem Architekten Apollodoros.

Auch diesem Roman merkt man an, dass dem Verfasser ein tieferes Verständnis für die römische Gesellschaft fehlt. Aus Unkenntnis heraus wurden einige Konstellationen geschaffen, die es so nicht geben konnte. Ein Ritter wie Acilius Attianus heiratete keine Prostituierte; dies war ihm sogar gesetzlich verboten. Eine solche Frau konnte bestenfalls seine Geliebte sein. Der Senat kann kein Gesetz erlassen haben, das die dynastische Erbfolge verbot. Auch Trajan vererbte die Macht schließlich dynastisch. Cornelia, fiktive Schwester des Publilius Celsus, heiratete Cornelius Palma, aber ihrem Namen nach hätte sie eher Palmas Schwester sein können. Als Senatorensohn wurde Marcus Soranus nicht ohne Rang in Trajans Heer aufgenommen und er hätte auch nicht die Grundausbildung eines gewöhnlichen Legionärs durchlaufen. Ein solcher Mann wurde Tribun. Ebenso wenig dienten die Söhne des Soranus bei den Hilfstruppen, den Reitern des Lusius Quietus. Marcus Ulpius Phaedimus, Mundschenk Trajans, war, wie sein Name verrät, freigelassener Sklave des Kaisers und nicht Sohn eines Centurios.

Aber die Ungereimtheiten halten sich in Grenzen. "Wahn der Macht" ist sowohl spannend und berührend erzählt als auch guter Geschichtsunterricht. Die wesentlichen Ereignisse werden historisch korrekt widergegeben. Mein Eindruck ist, dass der Roman nicht nur von der Epoche Trajans handelt, sondern auch etwas über die Zeit erzählt, in der er verfasst wurde. Die Enttäuschung über ein politisches System, das bei allem fortschrittlichen Anstrich doch starr war und von einer machtbesessenen Zentrale gelenkt wurde, mag in der DDR nach dem Sturz Walter Ulbrichts und der Machtergreifung Erich Honeckers geherrscht haben. Auch die Politikverdrossenheit vieler Menschen und ihr Rückzug ins Private passen eher in die DDR als ins erste bzw. zweite nachchristliche Jahrhundert. All das schadet dem Roman nicht. Vielmehr ist Gegenwartsbezug ein Qualitätsmerkmal. Trotz mancher Fehler im Detail zählt "Wahn der Macht" zu den besten historischen Romanen, die ich gelesen habe. Nach dem ersten Lesen hatte ich eine Schreib- und Sinnkrise. Es gibt einen guten Trajan-Roman, dachte ich damals, was will ich denn da noch schreiben. Ich musste das Buch noch mehrmals lesen, brauchte weitere Lektüre und zeitlichen Abstand, um meine Meinung zu ändern.

Gerd Trommer: "Wahn der Macht", prisma- Verlag DDR, Leipzig 1987, ISBN 3-7354-0018-3

Sonntag, 7. Januar 2024

Ein Kaiser ohne Kindheit?

Über Trajans Jugendzeit gibt es vereinzelte, sparsame, verklärende Zeilen im Panegyricus des Plinius. Ich habe das immer als sehr schade empfunden. Als ich dem Kaiser einen Roman widmen wollte, war mein wichtigstes Ziel, ihn menschlich nahe rücken zu lassen. Denn folgt man der Überlieferung, gelingt das kaum. Es fehlt an echten, menschlichen Notizen in seinem Leben, an solchen, die nicht in das Bild passen, das die Öffentlichkeit von ihm haben sollte, oder die zumindest ein wenig davon abwichen.

Sonntag, 9. Februar 2020

Der erste Dakerkrieg Kaiser Trajans 101-102 n.Chr.

Im Frühjahr des Jahres 101 verließ der Kaiser Rom, nachdem förmlich vom Senat der Krieg erklärt worden war. Er wurde von seinen Gardereitern und Prätorianern begleitet. Wahrscheinlich reiste er zunächst nach Brundisium und auf dem Seeweg nach Makedonien, von dort aus weiter nach Viminacium, dem Hauptquartier des ersten Dakerkrieges. Die Legionen waren auf Heerstraßen zum Kriegsschauplatz marschiert. Über elf Legionen verfügte Trajan in diesem Krieg, insgesamt 50.000-60.000 Mann. Unterstützt wurden sie von zahlreichen Hilfstruppen und Marinesoldaten. Die bedeutendsten Hilfsverbände waren die Berberreiter des Lusius Quietus, die Trajan im Gebirgskrieg von großem Nutzen sein sollten.

Sonntag, 10. Februar 2019

Marcus Valerius Martialis

Marcus Valerius Martialis, geboren um 40 n. Chr. in Bilbilis (Spanien), war einer der erfolgreichsten Dichter im antiken Rom. Als junger Mann schloss er sich vornehmen Landsmännern, Seneca und dessen Neffen Lucanus, an. Möglicherweise verdankte er ihnen den Aufstieg in den Ritterstand. Aber es dauerte nicht lange, und seine Gönner wurden vom Kaiser Nero in den Tod getrieben. Der literarisch talentierte Martial musste sich andere Patrone suchen.

Sonntag, 26. Januar 2020

Regierungsantritt Trajans und erste Kriegsvorbereitungen

Mit Marcus Ulpius Traianus wurde ein Mann aus dem Kreis der "kaiserfähigen" Konsulare von Nerva adoptiert. Er hatte sich in verschiedenen Stationen der römischen Ämterlaufbahn bewährt, die nicht alle bekannt sind; manche Ämter und Betätigungsfelder werden vermutet. Er war damit für die Herrschaft über das Imperium qualifiziert, wie wir heute sagen würden. Die Geschichte zeigt, dass jene Männer, die über militärische und administrative Erfahrungen verfügten, verantwortungsvollere Regenten waren als diejenigen, die schon als Kinder und junge Männer am Hofe aufwuchsen und als Prinzen viel zu früh viel zu hoch geehrt wurden.

Sonntag, 17. Juni 2018

Wohltätigkeit und Sozialfürsorge

Im letzten Text bin ich geradezu panegyrisch geworden. Die Großzügigkeit reicher Privatleuten, an deren Spitze der römische Kaiser stand, mutet heutzutage etwas seltsam an, so dass man sich fragt: Warum taten diese Leute so etwas? Warum bauten sie sich nicht die einundzwanzigste Landvilla oder feierten täglich Luxuspartys?

Schon Kaiser Augustus soll auf dem Sterbebett geäußert haben, er habe eine Stadt (Rom) aus Ziegeln vorgefunden und eine aus Marmor hinterlassen. (Sueton, Augustus, 28,3). Alle Kaiser bemühten sich, Rom und zunehmend auch Italien zu verschönern. Ihrer Freigebigkeit folgten die Angehörigen der Oberschicht, um ihren Reichtum und ihre Großzügigkeit öffentlich zu präsentieren und - in Stein gemeißelt - der Nachwelt zu hinterlassen. Manche Römer verschwendeten aber auch Riesensummen für privaten Luxus. Diejenigen, die Wert auf eine positive Wirkung in der Öffentlichkeit legten, hielten in ihren privaten Aufwendungen Maß und zeigten sich den Städten gegenüber großzügig, in denen sie lebten oder zu denen sie gute Beziehungen pflegten. Dies tat auch Trajan, einer der mächtigsten Herrscher des römischen Imperiums.

Die damalige Gesellschaft war auf privates Engagement dringend angewiesen. Die Unterschichten lebten in Armut, viele Menschen waren unterernährt. Eine staatliche Sozialfürsorge gab es nicht. Reiche Römer unterstützten ihre Klienten, Freigelassenen und sonstige Anhänger mit Geld, Fürsprache und auch Lebensmittelspenden. Auch die kostenlose Getreideversorgung sollte Elend in der Stadt Rom lindern, wenn auch jene Spenden lediglich ein Zubrot waren. In ihrer Not setzten Eltern ihre Kinder aus oder verkauften sie in die Sklaverei. Vielen Angehörigen der Unterschichten blieb nur das Betteln oder die Prostitution.

Dagegen waren Senatoren und der Kaiser geradezu unermesslich reich. Das Streben nach Ruhm stand ganz oben im römischen Wertekanon. Also war es naheliegend, großzügig zu sein und in der öffentlichen Wohltätigkeit auch miteinander zu konkurrieren. Der Kaiser stand freilich außerhalb jeglicher Konkurrenz durch Senatoren. An ihm lag es, mit gutem Beispiel voranzugehen, so dass Senatoren und angesehene Provinzbewohner folgten.

Die Alimentarstiftung, die Kaiser Nerva initiierte und die Trajan umsetzte und ausbaute, war so etwas wie eine Sozialfürsorge, ein monatlicher Betrag zur Versorgung frei geborener Kinder in mehreren Städten Italiens. Der Kaiser stellte eine Summe aus dem Fiscus zur Verfügung, woraus verschiedenen Privatleuten Darlehen gewährt wurden. Diese verpfändeten einen wesentlich höheren Wert an Grundbesitz und zahlten einen Zinsbetrag von fünf Prozent an die jeweilige Stadt zurück. Mit diesem Geld wurden die Kinder unterstützt.

Plinius der Jüngere folgte dem Beispiel des Imperators und stiftete 500.000 Sesterzen, aus deren Darlehenszinsen Kinder in seiner Heimatstadt Comum unterstützt wurden. Aber Privatleute spendeten auch Bauten wie Straßen, Wasserleitungen, Bäder, Tempel und öffentliche Gebäude. Licinius Sura, engster Freund und Berater Trajans, ließ auf dem Aventin in Rom Thermen erbauen. Dion Chrysostomos, der zeitweise am Hof Trajans weilte, ließ in seiner Heimatstadt Prusa eine Säulenhalle und eine Bibliothek errichten. Aus den Briefen des jüngeren Plinius wissen wir von ehrgeizigen Bauprojekten in verschiedenen Städten. Dabei kam es auch zu Neid gegenüber spendablen Bauherren, oder zu Kritik.

Öffentliche Wohltaten waren eine Möglichkeit für vermögende Römer, sich als Stifter zu präsentieren und ihr Umfeld zu verschönern. Noch heute künden Inschriften von der Großzügigkeit jener Privatleute. Von Trajan sind unzählige Baumaßnahmen in Rom, Italien und in den Provinzen bekannt. Mit diesem Engagement folgte er seinen Vorgängern, aber es gelang ihm auch, sie öfter zu übertreffen. Zahlreiche Inschriften, Reliefs und Statuen beziehen sich auf ihn und seine Familie. Er sicherte sich durch seine Politik lang anhaltenden Ruhm und einen Platz als herausragender Herrscher in der Geschichte, handelte also nicht uneigennützig. Aber man konnte in der Geschichte auch negative Berühmtheit erlangen. Und ebenso war es möglich, ein Vermögen ausschließlich für privaten Luxus einzusetzen. Es geht mir nicht darum, privates Engagement herabzusetzen, sondern es differenziert zu betrachten.

Literatur:

Annette Nünnerich-Asmus: "Traian. Ein Kaiser der Superlative am Beginn einer Umbruchzeit?", darin: "Private Freigebigkeit und die Verschönerung von Stadtbildern", Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-2780-3

Karl Strobel: "Kaiser Traian. Eine Epoche der Weltgeschichte", darin: Die Sorge für Italien - Pater Patriae, Verlag Pustet, Regensburg, 2010, ISBN 978-3-7917-2172-9

Sonntag, 27. August 2017

Feldherren lebten gefährlich (1)

Die Geschichte des römischen Imperiums kennt mehrere Beispiele dafür, dass auch hohe Offiziere im Krieg ums Leben kamen. Der vielleicht prominenteste Fall ist der des Quinctilius Varus, welcher sich angesichts der Niederlage gegen die Germanen selbst tötete.

Im Jahr 105, zu Beginn des zweiten Dakerkrieges, geriet der römische Befehlshaber Cnaeus Pinarius Aemilius Cicatricula Pompeius Longinus in dakische Gefangenschaft. Jener Mann, ein Konsular, der zuvor bereits Statthalter in Moesia Superior und Pannonia war, hatte ein bedeutendes militärisches Kommando inne. Das Geschichtswerk des Cassius Dio ist, was die Zeit Trajans angeht, nur in Auszügen überliefert. Die Episode um Longinus nimmt dabei vergleichsweise viel Raum ein. Es ist eine berührende Geschichte und möglicherweise wurde sie auch ein wenig ausgeschmückt. Der Mönch Xiphilinus, dem wir die Cassius-Dio-Excerpte verdanken, fand diese Textstelle offensichtlich auch spannend.

Der Dakerkönig Decebalus lud Longinus unter dem Vorwand, er würde alle römischen Forderungen erfüllen, zu Verhandlungen ein. Er befragte den römischen Feldherrn über Trajans Pläne, und als dieser sich weigerte, irgendetwas zu verraten, nahm er ihn gefangen, aber nicht in Fesseln mit sich. Er sandte einen Boten mit Forderungen an den Kaiser. Als Gegenleistung für die Freilassung von Longinus sollten sich die Römer hinter die Donau zurückziehen und Kriegsentschädigung zahlen. Trajan gab darauf eine ausweichende Antwort. Die Situation war schwierig: Der Kaiser wollte nicht, dass Longinus etwas zustieß, aber ebenso wenig wollte er auf die maßlosen Forderungen des dakischen Königs eingehen. Decebal zögerte ebenfalls. Longinus aber gelang es, sich Gift zu verschaffen. Er schickte einen Freigelassenen (ehemaligen Sklaven) mit einer Botschaft zu Trajan. Als dieser unterwegs war, nahm er das Gift und starb.

Decebal forderte den Freigelassenen von Trajan zurück. Als Gegenleistung bot er den Leichnam von Longinus und die Auslieferung von zehn Gefangenen. Er schickte einen Centurio, den er ebenfalls gefangen genommen hatte, zum Kaiser, um dies auszuhandeln. Jener Mann berichtete alles. Trajan lieferte aber weder den Freigelassenen, noch den Centurio an Decebal aus, weil er der Meinung war, deren Sicherheit wäre wichtiger für die Ehre Roms als ein Begräbnis für Longinus.

Auch mich berührt das Schicksal des Pompejus Longinus. Als neuzeitliche Individualistin empfinde ich Aufopferung und Heldentum als zutiefst sinnlos, aber mir ist klar, dass ein hoher Offizier im zweiten Jahrhundert andere Prinzipien hatte. Vom damaligen Standpunkt aus konnte Longinus kaum anders handeln, wollte er sein Gesicht wahren. Aber wer scheidet schon freiwillig aus dem Leben? Als Romanautorin, die sich der historischen Glaubwürdigkeit verpflichtet fühlt, möchte ich mich nicht zu weit von der Überlieferung entfernen. Ich kann nur ein wenig "gute Fee" spielen und Longinus kurz vor seinem Tod noch ein besonderes Geschenk machen. Er verliebt sich in eine junge Frau, die ihm unbewusst dabei hilft, das Gift zu bekommen.Eine besonders liebreizende Person habe ich erfunden, nur für Longinus und seine letzten Stunden. Und damit kamen neue Probleme auf mich zu. Denn er starb, und sie lebte weiter. Was sollte aus ihr werden? Das Verhältnis mit dem römischen Befehlshaber veränderte auch ihr Leben. Sie verließ die dakische Hauptstadt Sarmizegetusa und lief, wie viele Daker, zu den Römern über. Decebal und seine Getreuen wurden nach und nach isoliert.

Es ist überliefert, dass Licinius Sura und Claudius Livianus mit Decebals Bruder Diegis um Frieden verhandelten. Wenn sich die Lage zuspitzte, wurden solche Treffen gelegentlich missbraucht, um einer Seite Vorteile zu verschaffen, wie die Gefangennahme des Longinus zeigt. Aber auch ein Herrscher, der einen Feldzug leitete, musste damit rechnen, selbst in Gefahr zu geraten. Davon wird der nächste Beitrag berichten.

Literatur:

Cassius Dio, Epitome of Book 68

Karl Strobel: Untersuchungen zu den Dakerkriegen Trajans, Dr. Rudolf Habelt GmbH, Bonn 1984, ISNB 3-7749-2021-4

Sonntag, 16. Juli 2017

Adoptiv-Vater und Sohn? Trajan und Hadrian

Die Überlieferung betont den Gegensatz beider Kaiser. Nicht nur ihre Außenpolitik war grundverschieden, sondern auch ihr Charakter, heißt es. Die Autoren dieser Quellen gehörten überwiegend der römischen Oberschicht an und repräsentieren deren Wertung.

Der Großvater Hadrians muss mit einer Tante Trajans verheiratet gewesen sein. Man kann Trajan als Großcousin Hadrians oder Hadrian als weitläufigen Neffen Trajans bezeichnen. Hadrian wurde am 24. Januar des Jahres 76 in Rom geboren. Als sein Vater starb, übernahm Trajan zusammen mit dem späteren Gardepräfekten Acilius Attianus die Vormundschaft über den damals etwa zehnjährigen Jungen.

Als Fünfzehnjähriger, berichtet die Biografie der Historia Augusta, ging Hadrian in die spanische Heimat, um sich dort Waffenübungen und der Jagd zu widmen. In seiner Jagdleidenschaft muss er das übliche Maß überschritten haben, und Trajan berief ihn nach Rom zurück, um ihn dort wie seinen Sohn zu behandeln. Schon frühzeitig begeisterte sich Hadrian für griechische Studien und erhielt den Spitznamen graeculus (Griechlein). Er durchlief die obligatorischen Ämter eines jungen Senators, zu denen auch ein Truppenkommando an der Donau gehörte. Als Nerva Trajan adoptierte, sandten die Donautruppen Hadrian nach Obergermanien, um den künftigen Herrscher zu beglückwünschen. Trajan behielt Hadrian in der obergermanischen Provinz. Militärisches und administratives Zentrum war Mogontiacum (Mainz). Als die Nachricht vom Tod Nervas eintraf, wollte Hadrian der erste Gratulant sein. Es wird berichtet, dass sein Schwager Servianus ihn erst in Mogontiacum aufzuhalten versuchte und anschließend seinen Reisewagen manipulierte, um zu verhindern, dass er vor seinem eigenen Boten bei Trajan eintraf. Obwohl Hadrian die Reise zu Fuß fortsetzte, kam er vor dem Mann des Servianus in Colonia Agrippinensis (Köln) an. Dies klingt reichlich legendär, mag aber den einen oder anderen wahren Kern haben.

Der Biograf schreibt, Hadrian sei von Trajan geliebt worden, aber es gab auch Verstimmungen. (Auch zwischen leiblichen Kindern und deren Eltern gibt es mitunter Unstimmigkeiten - ungetrübte Harmonie wäre unnormal.) Die Freunde Trajans nahmen ihn zunächst nicht ernst, aber der mächtige Licinius Sura, engster Vertrauter des Herrschers, und die Kaiserin Plotina begünstigten ihn. Im Jahr 100 heiratete Hadrian Trajans Großnichte Sabina. Hildegard Temporini hat überzeugend ausgeführt, dass eine so bedeutsame Eheschließung unmöglich gegen den Widerstand des Kaisers erfolgt sein kann, der angeblich davon nicht begeistert war. Vielmehr hat Trajan, da er keinen Sohn hatte, über die weibliche Linie seiner Familie eine Dynastie geschaffen und Hadrian als Nachfolger aufgebaut.

Ulpia Marciana, die Schwester Trajans, wurde ebenso geehrt wie seine Gattin Plotina und nach ihrem Tod unter die Staatsgötter erhoben. Ihre Tochter Matidia erbte sofort den Augusta-Titel und trat somit an ihre Stelle. Hadrian war auf diese Weise dem Kaiser zweifach verbunden: durch eigene Verwandtschaft wie durch die Ehe mit Sabina, Matidias Tochter (siehe dazu unten: "Eine neue Dynastie").

Während Trajan als gleichermaßen souverän wie umgänglich bekannt war, muss Hadrian komplizierter gewesen sein. Laut seiner Biografie vereinte er in sich die gegensätzlichsten Verhaltensweisen; er war "immer und in jeder Hinsicht wandelbar". Er war vielfältig talentiert, übte sich in Poesie und Wissenschaften, beschäftigte sich mit Geometrie, Arithmetik und Malerei, musizierte und sang. Als Dilettant zögerte er nicht, Experten zu kritisieren. Als Hadrian sich einmal in eine Besprechung zwischen Trajan und dessen Architekten Apollodoros einmischte, wies jener ihn zurecht. Apollodoros musste dies, als Hadrian regierte, mit dem Leben bezahlen.

Als Kaiser bereiste er sein Imperium, nicht nur seines Amtes wegen, sondern auch aus touristischer Neugier. Ebenso wie Trajan war er volkstümlich und auf diese Weise ein Herrscher zum Anfassen. Die Römer konnten ihn gelegentlich beim Baden in den öffentlichen Thermen antreffen. Er hatte Humor und war großzügig, galt aber auch als nachtragend, ließ sich von Gerüchten beeinflussen und neigte zeitweise zu Grausamkeiten. Hadrian war multitaskingfähig.

Ähnlich wie Trajan war er ein Kenner des Soldatenhandwerks, geübt im Gebrauch von Waffen und verfügte über körperliche Fitness und Ausdauer. Er verstand es, Heer und Volk für sich zu gewinnen. Wie Trajan hatte er eine Vorliebe für schöne Knaben und junge Männer. Der Tod seines Lieblings Antinous nahm ihn sehr mit. Auch die Jagdleidenschaft teilte er mit seinem Adoptivvater.

Genauer betrachtet, ist der Gegensatz beider Männer nicht so gravierend. Es ist gut möglich, dass Trajan die vielseitigen Talente seines Ziehsohnes zu schätzen wusste, solange dieser seine Pflichten nicht vernachlässigte und dabei Maß hielt. Hadrian brach mit der expansiven Außenpolitik seines Vorgängers. Er bemühte sich um Sicherung der Grenzen. Die Zeit der großen Eroberungen war vorbei. Dieser Erkenntnis jedoch ging ein Lernprozess mit schweren und opferreichen Konflikten voran. Hadrian, jünger und flexibler als Trajan, erkannte die Zeichen der Zeit und handelte danach.

Wie Trajan in seinen letzten Monaten über all das dachte, wissen wir nicht. Als er im Sommer 117 von Syrien aus nach Rom aufbrach, übergab er sämtliche an der Partherfront stationierten Truppen an Hadrian. Er versetzte ihn somit in eine ähnliche Ausgangsposition, in der er selbst im Jahr 97 war. Ein letzter Schritt fehlte noch: die Adoption, vollzogen in der Hauptstadt, vor Jupiter auf dem Kapitol, verbunden mit einer Siegesmeldung. Und um all das zu tun, ist Trajan, meine ich, aus Antiochia abgereist, sobald seine Gesundheit dies erlaubte. Deswegen setzte er sich der strapaziösen Reise aus. Dass er als Feldherr triumphieren würde, war Tradition, aber es wird, da er krank war, kaum sein dringendster Wunsch gewesen sein. Die Chance, dass er sich gesundheitlich stabilisierte, war in Antiochia wesentlich größer als während einer Reise. Leider starb er unterwegs und konnte die Adoption nicht mehr in aller Form vollziehen.

Hadrian hat viele Wertvorstellungen Trajans geteilt. Ihm gelang es aber nicht, in solch gutem Einvernehmen mit dem Senat zu regieren wie sein Vorgänger. Einige Männer, die ihm einst zur Macht verholfen hatten und lange Zeit treu ergeben waren, ließ er später hinrichten. Andere fielen in Ungnade. Zu Beginn und zum Ende seiner Herrschaft kam es zu Todesurteilen gegen Senatoren. Dies konnte ihm das Hohe Haus nicht verzeihen. Antoninus Pius musste die Vergöttlichung seines Vorgängers im Senat durchsetzen. Hadrians Feinde in diesem Gremium hätten das gern verhindert. Jene Abneigung, sogar Feindschaft Hadrian gegenüber ist Grund für die teils negative Überlieferung. Die Betonung des Gegensatzes zu Trajan sowie der Vorwurf der durch Plotinas Gunst erschlichenen Adoption sollte sowohl Hadrians Anspruch auf den Thron und ihn persönlich entwerten, aber auch Trajan von einem vermeintlichen Fehlgriff bei der Nachfolgeregelung entlasten.

Hadrian grenzte sich auch äußerlich von Trajan ab: Er brachte den Bart wieder in Mode. Aber er wurde dennoch durch ihn geprägt und ehrte seine Adoptiveltern noch lange nach ihrem Ableben. Die Nachfolge konnte er rechtzeitig regeln und zeigte in seiner Wahl über zwei Generationen noch einmal sein politisches Geschick.

Quellen:

Historia Augusta: Hadrianus, Artemis Verlag Zürich und München, 1976, ISBN 3 7608 3568 6

Hildegard Temporini: "Die Kaiserinnen Roms", Verlag C.H. Beck, München 2002, ISBN 3 406 49513 3

Sonntag, 25. Februar 2018

Haarmode, Kosmetik und Make up

In der römischen Kaiserzeit diktierte der Hof die Mode. Das galt auch für Haar- und Barttracht. Deshalb sind Porträts der Kaiser und ihrer Ehefrauen hilfreich, um Bildnisse unbekannter Römer zeitlich einzuordnen. Die einfachen Leute hatten aber oftmals weder Muße noch die Mittel, um dem Herrscher oder dessen Gattin nachzueifern.

Schon unter den Flaviern trugen die vornehmen Damen wahre Kunstwerke von Frisuren, die wir heute als überladen bezeichnen würden. Die Bildnisse der Frauen am Hofe Kaiser Trajans sind aufschlussreich über das Können der Friseurinnen, ornatrices genannt. Die Kaiserin Plotina, die Kaiserschwester Marciana und deren Tochter Matidia trugen kunstvolle Hochfrisuren, bestehend aus zahlreichen geflochtenen Zöpfen, Haarknoten oder Zopfschleife, Stirntoupets, Lockenreihen, oft von Diademen gekrönt. Eine ornatrix brauchte für ihre Arbeit Kamm, Haarbänder, Haarnadeln, einen Ondulierstab zum Brennen von Locken, mitunter auch Nadel und Faden, um Teile der Frisur zu fixieren. Die ornatrix zupfte graue Haare aus und färbte das Haar, wenn gewünscht. Es gab Perücken, sicher auch Haarteile. Zum Färben der Haare benutzte man Hennapulver, aber auch Mixturen aus Asche. Zum Blondieren wurden Färbemittel aus Germanien bezogen. Auch Blautönungen waren bekannt. Die ornatrix musste behutsam vorgehen, wenn sie ihre Herrin frisierte, damit es nicht schmerzte. So manche Dame bestrafte ihre Sklavin durch Schläge, Nadelstiche oder mit den Fingernägeln. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich die Kaiserin Plotina wie eine Furie gebärdete. Ihre ornatrix ist eine der Hauptpersonen in meinem Roman. Gewiss verfügte die Augusta über geschickte Sklavinnen und Freigelassene - in einer Zeit, in der gutes Personal nicht mehr in beliebiger Zahl zur Verfügung stand. Am kaiserlichen Hof wurde auch ausgebildet. Ich kann mir Plotinas Dienerinnen als enge Vertraute vorstellen. Vertrauenswürdig musste man bei so viel Nähe zur Kaiserin sein.

Zu kosmetischen Behandlungen wurden vor allem Gesichtsmasken benutzt. Eselsmilch galt als Schönheitsmittel; die Kaiserin Poppea, Neros Gattin, badete sogar darin. Das Make up der vornehmen Römerinnen bestand aus einer hellen Pudergrundierung, die mit Fett und Honig angereichert wurde. Darüber wurde Rouge aufgetragen, entweder aus einer Lackmusflechte oder aus Purpurfarbe. Die Wimpern und Augenbrauen wurden geschwärzt, Lidschatten und Lidstrich waren grün oder blau. Es gab auch Schönheitspflästerchen, die sogar Männer benutzten. Unverzichtbar waren duftende Öle, Salben und Parfums. Die Frauen ließen ihren gesamten Körper rasieren, was sicher schmerzhaft war.

Die Männer trieben weniger Aufwand als die Frauen. Seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. verbreitete sich das Rasieren in Rom. Die Prozedur muss unangenehm gewesen sein. Soldaten und Männer unterer Schichten kann man sich eher stoppelbärtig vorstellen. Die Körperrasur galt als weibisch. Die Männer achteten nur darauf, dass Achselhaare nicht über der Kleidung zu sehen waren. Salböle waren auch unter Männern beliebt; es galt als gesund, sie zu verwenden. Zur Zeit Trajans trugen die meisten Männer die einfache Kurzhaarfrisur des Monarchen. Der Kaiser färbte sein Haar nicht, denn Plinius berichtet, dass es schon zu Beginn seiner Herrschaft grau oder sogar weiß war. Als Licinius Sura, der engste Freund des Herrschers, von Neidern verleumdet wurde, ging Trajan ohne Bewachung zu ihm und ließ sich von seinem Barbier rasieren, um ihm dadurch sein Vertrauen zu bezeugen. Erst Hadrian brachte den Bart wieder in Mode.

Literatur:

Georg Ürögdü: "Reise in das alte Rom", Prisma-Verlag, Leipzig 1966

Karl-Wilhelm Weeber: Alltag im Alten Rom, Das Leben in der Stadt, Patmos Verlag, Düsseldorf 2001, ISBN 3-491-69042-0

Daniela F. Mayr, Klaus Mayr: "Von der Kunst, Locken auf Glatzen zu drehen", Eichborn Verlag, Frankfurt 2003, ISBN: 3-8218-0734-2

Sonntag, 7. April 2019

Iulius Quadratus Bassus, ein Senator aus Pergamon

Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts zählten viele Senatoren aus Kleinasien, der heutigen Türkei, zur Führungselite des Imperiums. Einer von ihnen war C. Iulius Quadratus Bassus, in meinem Roman nur Julius Bassus genannt. Dieser Mann ist nicht identisch mit jenem Julius Bassus, den Plinius der Jüngere um 100 im Senat verteidigte (Briefe IV, 9). Der Freund und Mandant des Plinius wurde in einem Repetundenprozess angeklagt, doch der Senat ging gnädig mit ihm um. Bassus' Vergehen bestand darin, dass er als Statthalter aus Arglosigkeit Geschenke angenommen hatte, was verboten war. Er war damals schätzungsweise 60 Jahre alt. "Mein" Julius Bassus, einer der bedeutendsten konsularischen Offiziere Trajans, war höchstwahrscheinlich sein Sohn und war wohl um 70 geboren worden. Beide Männer stammten wahrscheinlich aus Pergamon.

Sonntag, 17. Februar 2019

Decimus Iunius Iuvenalis

Juvenal, welcher der Nachwelt 16 Satiren hinterließ, wurde vielleicht um 60 geboren und starb während Hadrians Herrschaft. Über seine Herkunft und sein Leben ist so gut wie nichts bekannt. Er war ein Freund Martials.

Montag, 13. November 2017

Der Ritterstand

Die Prätorianerpräfekten, denen die Garde unterstand, hatten die Spitze des Ritterstandes erreicht und wurden meist als Dank für ihre Dienste in den Senatorenstand erhoben. An Macht und Ansehen übertrafen diese Männer viele Senatoren. Dies galt auch für andere ritterliche Spitzenpositionen. Es gab Ritter, die reicher als Senatoren waren.

Das Mindestvermögen für einen Ritter betrug 400.000 Sesterzen. Die Besitzunterschiede innerhalb dieses Standes waren beträchtlich, was jedoch auch auf den Senatorenstand zutraf. Es gab wesentlich mehr Ritter als Senatoren. Unter Augustus gehörten um die 20.000 Männer dem Ritterstand an. Den Angehörigen der Oberschicht waren bestimmte Sitzreihen im Theater vorbehalten. Die besten Plätze nahmen der Kaiser und die Senatoren ein, gefolgt von den Rittern. Jene trugen zwei schmale Purpurstreifen an der Toga, die Senatoren einen breiten. Allein schon an diesen äußerlichen Zeichen ihres Ranges wird deutlich, dass sich die Angehörigen des Ritterstandes in ihren Werten an denen des Senatorenstandes orientierten. Der Tradition zufolge waren sie beritten, was sie alljährlich mit einer Reiterparade in Rom feierten. Jener Festumzug entstammte den Traditionen der römischen Republik und war ursprünglich eine Musterung der Ritter, die jährlich von Censoren durchgeführt wurde. Augustus ließ diesen Brauch wieder aufleben. Ritter, die weiter von Rom entfernt bzw. in den Provinzen lebten, nahmen an der Parade nicht teil. Ab dem 35. Lebensjahr war man davon befreit.

Während die Zugehörigkeit zum Senatorenstand erblich war, trifft dies auf den Ritterstand nicht zu. Zwar wurden die Söhne von Rittern oft ebenfalls Ritter, aber die Aufnahme in diesen Stand erfolgte durch persönliche Verdienste, Eignung, Beförderung bzw. Protektion. Der Ritterstand war der Finanzadel Roms. Viele Ritter waren Steuerpächter, Händler und Bankiers, aber ihre Haupteinnahmequelle war der Grundbesitz. Ein weiterer Weg in den Ritterstand war die Offizierslaufbahn. Centurionen, vor allem die ranghöchsten unter ihnen, strebten in den zweiten Adel. Als Tribunen und Präfekten übernahmen sie hohe Kommandos beim Heer und den städtischen Kohorten sowie der Feuerwehr. Im zivilen Bereich wurden geeignete Ritter kaiserliche Beamte (Prokuratoren), oder sie fanden Beschäftigung am kaiserlichen Hof. Die Prokuratoren übernahmen Aufgaben in der Provinzverwaltung und entlasteten die Statthalter. Gegenseitige Kontrolle war Nebenerscheinung der Zusammenarbeit zwischen ritterlichen und senatorischen Beamten. Adlige unterworfener oder befreundeter Völker wurden Ritter. Ein berühmtes Beispiel ist der Cheruskerfürst Arminius. Die Eliten jener Völker wurden auf diese Weise schnell integriert und trugen die Romanisierung mit - was in den meisten Fällen funktionierte. Normalerweise war eine freie Geburt Bedingung für eine Aufnahme in den Ritterstand, aber es gab auch Ausnahmen, in denen Freigelassene befördert wurden.

Manchen Rittern ging es weniger gut, und sie waren auf die Unterstützung reicher Patrone angewiesen, so der Dichter Martial, der in seinen Epigrammen seinen Gönnern huldigt, aber auch über die Abhängigkeit von ihnen klagt. Zu den Zuwendungen der Patrone zählten Fürsprachen, Einladungen und (Geld-) Geschenke, aber auch Lebensmittelspenden. Die Klienten revanchierten sich durch diverse Gefälligkeiten und Dienstleistungen sowie ihre Gefolgschaft, die dem Patron öffentliches Ansehen verlieh. Jene Beziehungen waren enorm wichtig, da die staatliche Fürsorge begrenzt war. Patrone Martials waren neben den Kaisern Titus und Domitian die Senatoren Licinius Sura und Plinius der Jüngere. Letzterer schenkte dem Dichter das Reisegeld, als dieser in seine spanische Heimat zurückkehrte.

Unter Trajan sind drei Prätorianerpräfekten namentlich bekannt: Attius Suburanus, Claudius Livianus und Acilius Attianus. Aber auch andere Ritter hatten Spitzenpositionen inne wie Pompeius Planta, der Präfekt von Ägypten, den Trajan als seinen Freund bezeichnete. Marcius Turbo, der Freund Hadrians, war zunächst Centurio, anschließend Tribun der vigeles (Feuerwehr), der equites singulares Augusti und der Prätorianer, kommandierte im Partherkrieg die Flotte von Misenum, bewährte sich in verschiedenen militärischen Aufgaben und wurde schließlich Hadrians Prätorianerpräfekt. Neben diesen mächtigen Männern gab es aber auch Ritter, die nicht unter die führenden Beamten und Offiziere aufstiegen.

Literatur:

Geza Alföldy: Römische Sozialgeschichte, Franz Steiner Verlag Wiesbaden 1975, ISBN 978-3-515-09841-0

Marcus Junkelmann: Die Reiter Roms, Teil II, Vom Reiteradel zum Offiziersadel, Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 1991, ISBN 3-8053-1139-7

Sonntag, 5. Mai 2019

Prätorianerpräfekten Kaiser Trajans

Der Prätorianerpräfekt zählte zum engsten Führungskreis des römischen Reiches. Normalerweise amtierten zwei Präfekten, die im Regelfall Ritter waren. Ausnahme war der spätere Kaiser Titus, der als Senator praefectus praetorio seines Vaters Vespasian wurde. Dies war Ausdruck enger Verbundenheit des Kaisers mit seinem älteren Sohn und diente der Stärkung der flavischen Dynastie, die aus einem Bürgerkrieg heraus die Herrschaft übernommen hatte. Auch wuchs Titus an der Seite des Kaisers schon in seine künftige Aufgabe hinein.

Samstag, 28. September 2019

Ich lebe keinen Traum

Es gibt immer mal Schwellen im Leben, wo man über die letzten Jahre und über die Zukunft nachdenkt. Ich erinnere mich an einen Sonntagmorgen, als ich meinen Laptop vor mir auf dem Tisch liegen sah und den Panegyrikus Plinius des Jüngeren aufgeschlagen daneben. In meiner Reichweite befanden sich außerdem ein Pott Kaffee, eine Liste mit Haushaltsdingen, die ich erledigen wollte, und die Briefsammlung des Plinius lag auch bereit. Mein Roman über Kaiser Trajan und seine Zeit war veröffentlicht und ich schrieb nun Texte für den Blog. Es war ein Moment, den ich am liebsten festgehalten hätte, was zum Glück nicht möglich ist, denn so große Hände hat man ja nicht. Ich dachte, ich lebe meinen Traum - und empfand doch ganz anders. Ich beschrieb es nur mit den Worten, die mir als erstes einfielen, einem völlig bescheuerten Satz. In Wirklichkeit hatte meine Lebensaufgabe meinen Alltag so durchdrungen, dass es sich selbstverständlich und normal anfühlte. Und das war gut, erfüllend und richtig. Natürlich habe ich auch mal geträumt und tue es auch heute noch. Aber wenn aus Träumen Ziele werden, wird das Ganze greifbarer und schließlich real. Und arbeitsintensiv.

Der Zeitpunkt ist gekommen, hier nicht mehr so häufig Texte zu posten. Morgen veröffentliche ich den letzten September-Text und ab Oktober werde ich etwa einmal pro Monat etwas einstellen. Ich möchte mich immer noch der Geschichte des römischen Imperiums widmen, aber nicht mehr so häufig und intensiv. Denn ich mag Vielseitigkeit im Leben, aber noch größer ist mein Wunsch nach unverplanter Zeit und Langsamkeit, wenn schon nicht beruflich, wo ich wenig Einfluss habe, sondern im Privatleben. Der Lucius Licinius Sura meines Romans würde mich verstehen. Er ist ein wenig wie ich, einer, der das Leben gern genießt. Phasen intensiver Arbeit müssen ruhigere Phasen folgen. Sie sind Voraussetzungen für gute Ideen und wichtig für ein gutes Leben. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen schönen Herbst.

Montag, 16. Oktober 2017

Die Prätorianergarde

Bereits in der römischen Republik umgaben sich die Feldherren mit einer Garde. Augustus wollte die Prätorianergarde nicht nur im Krieg, sondern ständig nutzen. Er verteilte die Truppe so, dass von neun Kohorten zu je 500 Mann nur drei ihren Dienst in Rom taten, wo sie dezentral untergebracht waren. Diese Kohorten entsprachen in ihrer Organisation denen der Legionen. Oft waren es verdiente Legionäre, die in diese Eliteeinheit befördert wurden. Und wie den Legionen, waren auch den Prätorianern einige Reiter zugeordnet.

Unter der Herrschaft des Tiberius nahm der Einfluss der Prätorianer und speziell ihres Präfekten zu. Als sich der Kaiser nach Capri zurückzog, herrschte der praefectus praetorio Seianus in Rom. Er war engster Vertrauter des misstrauischen Monarchen. Seianus setzte durch, dass die gesamte Prätorianergarde in einem Lager am Stadtrand Roms untergebracht wurde. Jener Stadtteil trägt heute noch den Namen Castro pretorio.

Aus dem Dienst für den Kaiser und der Nähe zu ihm ergibt sich die potentielle Macht jener Einheit und ihrer Befehlshaber. Diejenigen, die den Herrscher schützen sollten, konnten ihn umbringen, und sie waren auch in der Lage, Kaiser einzusetzen bzw. Einfluss auf die Thronfolge zu nehmen. Oft ging es dabei um Geld, das sogenannte Donativum, eine Prämie, die neue Herrscher ihren Gardisten zahlten. Es versteht sich, dass die Prätorianer besser bezahlt wurden und mehr Vergünstigungen als Legionäre genossen: Ihr Sold betrug immer das Eineinhalbfache der Legionäre. Unter Domitian erhielt ein Prätorianer dreimal jährlich 300 Denare; die Abfindung nach Ende ihrer Dienstzeit betrug 5.000 Denare, zusätzlich bekamen sie ein Stück Land geschenkt.

In Rom versahen die Prätorianer normalerweise unauffällig ihren Dienst. Sie trugen die Toga; die Waffen wurden verborgen getragen. Sie offen zu tragen, galt als Aufruhr. Zur Toga trugen sie, wie Offiziere und Beamte, geschlossene Schuhe. Es gehört zu den unausrottbaren Rom-Klischees, dass Wachen unter großem Lärm in Palästen aufmarschierten, in voller Rüstung, mit Panzer, Helm und in genagelten Soldatenschuhen. In Filmen erscheinen berühmte Persönlichkeiten in völlig zivilen Situationen (so bei Gastmählern in Rom) in Rüstung und gar mit Helm, als würden sie gleich in die Schlacht ziehen. Die bildlichen Darstellungen aus der damaligen Zeit belehren eines Besseren. Im Feld trugen die Prätorianer den Panzer (lorica), Helm mit Helmbusch, Schwertgehenk mit gladius, Schild und caligae, unter dem Panzer die tunica. Die Prätorianer besaßen auch eine Paradeuniform, in der sie den Kaiser bei festlichen Anlässen begleiteten.

Die Quellen nennen uns - mit einer Ausnahme - keine Zwischenfälle unter Trajan, die von den Prätorianern ausgingen. Jene Ausnahme fällt in die Anfangszeit seiner Herrschaft. Der Gardepräfekt Casperius Aelianus hatte Nerva bedroht und ihn in die peinliche Situation gebracht, die Mörder Domitians auszuliefern. Als Nerva Trajan adoptiert hatte, sandte er ihm ein Schreiben mit dem in Poesie verpackten Rachewunsch: "Meine Tränen vergilt mit deinem Geschoss den Danaäern." Abgesehen von der Bitte des alten Kaisers hatte Trajan kaum eine andere Wahl, als ein Exempel zu statuieren, wollte er nicht als schwacher Herrscher gelten. Er beorderte Aelianus mit seinen Prätorianern zu sich nach Germanien und ließ sie hinrichten.

Nachfolger des Aelianus wurde Attius Suburanus. Der Kaiser überreichte ihm das Schwert, Symbol seines Amtes, mit den Worten: "Nimm dieses Schwert und führe es für mich, wenn ich gut herrsche - wenn nicht, wende es gegen mich." Jene Worte, die sowohl Plinius als auch die spätantiken Quellen unbedingt der Nachwelt mitteilen wollten, wirken auf mich etwas floskelhaft. Zumindest den letzten Teil wird weder Trajan noch sein Gardepräfekt in jenem Moment als ernstzunehmende Option aufgefasst haben. Suburanus war ein enger Vertrauter von Julius Ursus, langjähriger Gardepräfekt Domitians. Im kritischen Jahr 97 war Suburanus Finanzprokurator der germanischen Provinzen und verantwortlich für die Soldzahlungen an die Legionäre. Trajan stand damals als Statthalter in Germania superior. Julius Ursus muss einer der Männer gewesen sein, die sich in Rom für Trajan als Nachfolger Nervas einsetzten. Die Beziehungen zu Ursus und anderen einflussreichen Senatoren gehen wahrscheinlich schon auf den Vater des späteren Kaisers zurück.

Normalerweise gab es zwei Prätorianerpräfekten. Das Amt war die Krönung der ritterlichen Laufbahn. Oft wurden die Gardepräfekten nach ihrer Dienstzeit in den Senat erhoben. Nicht alle sind bekannt. Plinius der Jüngere berichtet von einem Prätorianerpräfekten, der ungenannt bleibt: Jener Mann wollte sich ins Privatleben zurückziehen, und obwohl es ihm schwerfiel, gab Trajan nach. Der Präfekt muss ein enger Freund gewesen sein. Plinius schildert die Abschiedsszene: "Wirklich, du hast ihn geleitet und ließest es dir nicht nehmen, ihm am Hafen zum Abschied deine Umarmung, deinen Kuss zu gewähren. So stand nun der Caesar, von erhöhtem Ort dem Freund nachschauend, stand da und erbat für den Scheidenden glückliche Meerfahrt und rasche Rückkehr - doch dies nur für den Fall, dass er selbst zurückkehren wolle; und er konnte nicht anders, er musste dem Entschwindenden unter Tränen wieder und wieder seine Wünsche nachsenden. (Plinius, Panegyrikus, 86,3-4, nach Werner Kühn)

Die Prätorianer unter ihrem Präfekten Claudius Livianus begleiteten den Kaiser in die Dakerkriege. Livianus ist vermutlich auf der Trajanssäule im Umfeld des Kaisers abgebildet. Er und Licinius Sura verhandelten mit den Dakern um Frieden, aber es kam zu keiner Einigung. Livianus war auch ein Freund Hadrians und eventuell noch im Partherkrieg im Stab Trajans, wenn auch nicht mehr als praefectus praetorio. Dieses Amt hatte zu jener Zeit Acilius Attianus neben Sulpicius Similis inne. Attianus war ein enger Freund Trajans und Hadrians, stammte vermutlich aus der Baetica und war zusammen mit Trajan Hadrians Vormund gewesen. In den letzten Tagen des "Optimus princeps" war er in dessen Nähe und sorgte dafür, dass die Herrschaft planmäßig auf Hadrian überging.

Literatur:

Hans Dieter Stöver: "Die Prätorianer; Kaisermacher - Kaisermörder", Langen Müller, München 1984, ISBN 3-7844-2519-4

Annette Nünnerich-Asmus: "Traian", Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2002, darin: Werner Eck: Traian - der Weg zum Kaisertum, ISBN 3-8053-2780-3

Yann Le Bohec: "Die römische Armee", Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, ISBN 3-515-06300-5