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Samstag, 20. Januar 2024
Er hatte mehrere Vorbilder
Das Forum Traiani war nach seiner Fertigstellung der prachtvollste öffentliche Platz im Rom der Antike. Karl Strobel kommt in seinem sehr lesenswerten Buch „Kaiser Trajan“ zu dem Schluss, dass sich Trajan zu dem Zeitpunkt, als seine Macht gefestigt war – und das war spätestens nach den siegreichen Dakerkriegen der Fall – in der Gestaltung seines Forums, seiner Siegessäule und auch allgemein an Caesar als Vorbild orientierte, während sich Hadrian „im Gegensatz dazu“ als Nachfolger des Augustus sah. Für diesen Bezug auf Augustus spricht eine Anmerkung in der Hadrian-Biografie der Historia Augusta.
Freitag, 2. April 2021
Tiberius: sein Werdegang bis zur Alleinherrschaft im Jahr 14
Als ich hier über Augustus schrieb, beschloss ich, mir seine Nachfolger in der julisch-claudischen Dynastie für später aufzuheben. Anlass, mich nun dem zweiten Princeps Tiberius zu widmen, war meine aktuelle Lektüre. Ich las die Romantrilogie von Iris Kammerer: "Der Tribun", "Die Schwerter des Tiberius" sowie "Wolf und Adler". Die Romane sind hervorragend, ich kann sie nur wärmstens empfehlen. Der zweite Band, besonders aber die Abschlussszene des ersten Bandes hat mich gepackt. Iris Kammerer ist es gelungen, Tiberius zum Leben zu erwecken, und zwar mit einer unglaublichen Präsenz. Aber: es ging um seine guten Jahre, noch vor seiner Herrschaft, als er zwar misstrauisch und manchmal arrogant, aber insgesamt realistisch, integer und kompetent – und außenpolitisch erfolgreich war.
Donnerstag, 24. Dezember 2020
Die Zeitenwende und unser Weihnachtsfest
Unser Weihnachtsfest hat, geschichtlich betrachtet, seinen Ursprung im Römischen Reich. Die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium kündet davon. Sie zu hören, ist eine Tradition am Heiligen Abend. Als Kind lauschte ich jedes Mal ganz ergriffen und kannte die Geschichte jedes Jahr ein bisschen besser. Und ich liebte es, das Krippenspiel in der Kirche anzusehen. Als ich mich für das alte Rom zu interessieren begann, hörte ich die Geschichte mit wachsender Aufmerksamkeit, ohne dass sie ihren Zauber verlor.
Sonntag, 7. Juni 2020
Cursus honorum: Die Prätur
Die Prätur war eines der höheren Ämter der senatorischen Ämterlaufbahn. In der Republik durften Prätoren sogar Konsuln in ihrer Abwesenheit vertreten und damit den Staat lenken. In der Kaiserzeit verloren alle Ämter an realer Macht, aber nicht an Ehre und Prestige. Außerdem standen dem ehemaligen Prätor weitere Karriereschritte offen: Legionskommandos und die Verwaltung von Provinzen ohne starke Militärbasis.
Sonntag, 15. März 2020
Vigintivirat und Quästur
Mit "cursus honorum" ist die senatorische Ämterlaufbahn im alten Rom gemeint. Auch die Ritter durchliefen Ämter, aber es waren eher militärische Laufbahnen. Die Laufbahn eines Senators konnte von Senatorensöhnen angestrebt werden, aber auch von Rittern, die in den Senat aufsteigen wollten.
Samstag, 6. Juli 2019
Augustus - sein politischer Werdegang und Einrichtung des Prinzipats
Während der Zeit, in der Augustus an der Spitze des römischen Staates stand, bildete sich die Herrschaftsform des Prinzipats heraus. Von 30 v. Chr., nachdem er alle politischen Gegenspieler ausgeschaltet hatte, bis zu seinem Tode 14 n. Chr. war er an der Macht und in dieser Zeit gelang es ihm, etwas zu schaffen, woran Caesar gescheitert war.
Sonntag, 27. Januar 2019
Palmyra, Zentrum des Handels zwischen Rom und dem Orient
Die Oase Tadmur im heutigen Gouvernement Homs in Syrien war schon steinzeitlichen Jägern und Sammlern bekannt. Im zweiten Jahrtausend v.Chr. wurde der Ort bereits in Keilschriftentexten erwähnt. Bis heute heißt er Tadmur oder Tadmor, und erst ab dem 1.nachchristlichen Jahrhundert ist er unter dem Namen Palmyra bekannt. Palmyra ist eine der beeindruckendsten Ruinenstätten des Nahen Ostens. Man kann hoffen, dass sie, deren Ruinen Jahrtausende überdauert haben, den Barbareien des 21. Jahrhunderts nicht völlig zum Opfer fällt.
Sonntag, 15. April 2018
Der römische Name
Der Text vom vergangenen Wochenende erinnerte mich daran, dass ich schon längst auf römische Namen näher eingehen wollte. Lucius Julius Ursus Servianus war von Lucius Julius Ursus adoptiert worden: Man sieht sogleich den Zusammenhang und es handelt sich hierbei um ein klassisches Beispiel, wie sich der Name eines Römers durch Adoption veränderte.
In der der Kaiserzeit trug jeder römische Bürger drei Namen: praenomen/Vorname (Gaius), nomen gentile/Name der Sippe bzw. des Geschlechts (Julius) und cognomen/Familien- bzw. Individualname (Caesar). Es gab nur wenige gebräuchliche römische Vornamen, so Gaius, Marcus, Lucius, Tiberius, Gnaeus. Einige Vornamen entsprachen Ordnungszahlen wie Quintus (der Fünfte), Sextus (der Sechste) - die Söhne wurden einfach nummeriert. Manche Vornamen waren geradezu typisch für ein Geschlecht und wurden von Generation zu Generation weiter vererbt. Kam jedoch ein Familienmitglied auf die schiefe Bahn und wurde zum Staatsfeind, wurde dessen Vorname nicht mehr benutzt. Der Individualname leitete sich oft von einer körperlichen Eigentümlichkeit ab: Crassus - dick , Longus - groß.
Frauen trugen in der Kaiserzeit nomen gentile mit weiblicher Endung und einen angehängten Individualnamen, der sich oft von dem der Mutter oder des Vaters ableitete: Ulpia Marciana, die Schwester Trajans, war vermutlich Tochter einer Marcia. Salonia Matidia, die Tochter der Marciana, hieß nach ihrem Vater Salonius Matidius.
Sklaven erhielten bei ihrer Freilassung praenomen und nomen gentile ihres Herrn und fügten ihren eigenen, fremdländischen Namen als cognomen hinzu: Marcus Ulpius Phaedimus, der Mundschenk Kaiser Trajans, war dessen Freigelassener.
Viele Ehen blieben kinderlos, und deshalb war die Adoption eine gängige Methode, um Beziehungen zu knüpfen und Vermögen und Prestige zu vererben. Besonders in der Oberschicht wurden oft schon erwachsene Männer adoptiert, die praenomen, nomen gentile und cognomen des Adoptierenden übernahmen und ihren eigenen cognomen mit dem Zusatz -an hinzufügten. Servianus war vermutlich vor seiner Adoption durch Lucius Julius Ursus ein Servius.
Marcus Ulpius Trajanus, der spätere Kaiser, trug seinen Namen mindestens in zweiter Generation: Er hieß exakt so wie sein Vater. Tatsächlich könnte aber einer seiner Ahnen adoptiert worden sein. Im archäologischen Museum von Sevilla befindet sich der Rest einer Inschrift für einen Marcus Trahius, der möglicherweise einer der Vorfahren des Imperators war. Als Kaiser nannte sich Trajan Imperator Caesar Nerva Trajanus Augustus, nahm also cognomen seines Adoptivvaters Nerva wie auch das eigene in die Titulatur auf.
Auch andere Angehörige der Oberschicht hatten zu dieser Zeit bereits zahlreiche Namen, die durch familiäre Beziehungen und Adoption zusammengekommen waren. Beispiele sind Gnaeus Pinarius Aemilius Cicatricula Pompejus Longinus, Senator und Feldherr unter Trajan, sowie Quintus Roscius Coelius Murena Silius Decianus Vibullius Pius Iulius Eurycles Herculanus Pompeius Falco, Senator und Offizier unter Trajan und Hadrian. Für Historiker sind all die Namen interessant und lassen Schlüsse über Herkunft und Verwandtschaftsbeziehungen jener Personen zu.
Wie wurde der Römer aber nun angeredet? Vermutlich mit dem cognomen: Plinius der Jüngere, mit vollständigem Namen Gaius Plinius Caecilius Secundus, wurde mit "Secundus" angesprochen. Unter Freunden und innerhalb der Familie wurden wahrscheinlich auch Vornamen verwendet. Einer der wenigen Römer, der unter seinem praenomen in die Geschichte einging, war Kaiser Titus. Dessen Vorname funktionierte als Unterscheidungsmerkmal zu seinem Vater, wenn man jenen auf sein cognomen reduzierte. Vespasian trug die gleichen drei Namen wie sein erstgeborener Sohn: Titus Flavius Vespasianus.
Literatur:
Georg Ürögdi: "Reise in das Alte Rom", Prisma-Verlag Leipzig, 1966
Sonntag, 7. Januar 2018
Der Kalender im alten Rom
In der frühen römischen Republik war die Führung eines Kalenders Aufgabe der Priester. Diese übernahmen es auch, Feiertage öffentlich auszurufen. Cäsar sorgte mit seiner Kalenderreform für mehr Sicherheit und Struktur. Seitdem hatte das Jahr 365 Tage, und aller vier Jahre gab es einen Schalttag, damals entweder am 24. oder 25. Februar. Der römische Name für den Kalender war fasti, von dies fasti = Gerichtstage (Werktage). Die fasti wurden in Rom und anderen Städten auf Steintafeln veröffentlicht und enthielten alle staatlichen Feiertage. Es gab ganze und halbe Feiertage sowie Tage, an denen Volksversammlungen abgehalten werden durften.
Die Tage eines jeden Monats waren noch nicht wie heute durchnummeriert. Es gab drei feststehende Termine, nonae (der neunte Tag vor dem Vollmond), iden (Monatsmitte, Vollmond) und calendae (erster Tag des Monats). Auf welchen Tag genau diese Fixtermine fielen, war von Monat zu Monat verschieden. Beispielsweise fielen die Iden im März, Mai, Juli und Oktober auf den 15., in den übrigen Monaten auf den 13.. Berühmt wurden die Iden des März durch die Ermordung Cäsars. Wollte man einen Tag benennen, der nicht auf einen der Fixtermine fiel, sprach man von soundsoviel Tagen vor den Nonen, vor den Iden und vor den Kalenden. Privatleute hatten Abschriften des öffentlichen Kalenders, wo sie ihre eigenen Termine eintrugen.
In der Frühzeit Roms begann das Jahr an den Kalenden des März. Somit war am ersten März Neujahrsfest. Aber mit der Verlegung des Amtsantritts der Konsuln auf den ersten Januar fing das neue Jahr an diesem Tag an. Unsere Monatsnamen erinnern an die römischen Bezeichnungen, sind teilweise sogar identisch:
Januarius: benannt nach dem doppelgesichtigen Gott Janus, der für das Ende und den Anfang steht
Februarius: nach februare - sühnen im kultischen Sinne
Martius: benannt nach dem Kriegsgott Mars
Aprilis: entweder nach Aphrodite oder nach aperire - öffnen (passend zu den sich öffnenden Knospen
Maius: benannt nach Maia, der Göttin des Wachstums
Junius: zu Ehren der Göttin Juno
Julius: ehemals Quinctilis (fünfter Monat, gerechnet vom ursprünglich ersten Monat März an), trägt zu Ehren von Julius Cäsar dessen Gentilnamen
Augustus: ursprünglich Sextilis (sechster Monat), zu Ehren des Kaisers Augustus umbenannt
September: siebenter Monat (nach alter Rechnung)
October: achter Monat
November: neunter Monat
December: zehnter Monat
Kaiser Trajan hatte keine Ambitionen, sich oder seine Familie im Kalender zu verewigen. Sein Geburtstag war der 18. September. Um diesen Tag zu bezeichnen, rechnete man nicht von den Iden vorwärts, was aus unserer Sicht naheliegend wäre, sondern rückwärts von den Kalenden des Oktober.
Literatur:
Karl-Wilhelm Weeber: Alltag im Alten Rom, Das Leben in der Stadt, Patmos Verlag, Düsseldorf 2001, ISBN 3-491-69042-0
Sonntag, 20. August 2017
Rezension zu "Wahn der Macht" von Gerd Trommer
"Wahn der Macht" ist 1987 in der DDR im prisma-Verlag erschienen. Mit dem Untertitel "kulturgeschichtlicher Roman um Trajan" wird das Werk spezifiziert. Cover, Abbildungen, Zeittafel, Begriffserklärungen, eine Übersicht über historische und erfundene Personen sowie eine Karte über die Ausdehnung des Römischen Reiches zu jener Zeit lassen keinen Zweifel daran, dass der Autor in seinem Roman Authentizität anstrebte.
Das Buch ist auch heute noch antiquarisch erhältlich, und ich kann es historisch interessierten Lesern guten Gewissens empfehlen. Es knüpft inhaltlich an "Triumph der Besiegten" an, einen Roman, der die Zeit Kaiser Domitians behandelt. Meine Erinnerung an den ersten Roman ist verblasst und er soll auch nicht Gegenstand dieses Textes sein.
"Wahn der Macht" beginnt mit der Krise in Rom nach der Ermordung Domitians. Kaiser Nerva gerät unter Druck mehrerer einflussreicher Personen, die ihm raten, einen Nachfolger zu bestimmen und ihn zum Mitregenten zu erheben. Mögliche Nachfolger sind Curiatius Maternus in Syrien und Ulpius Trajanus in Obergermanien. Der Gruppe um Licinius Sura gelingt es schließlich, ihren Kandidaten Trajan durchzusetzen, obwohl Nerva sich bereits für Maternus entschieden hatte. Trajan wird Nachfolger Nervas und betritt die weltpolitische Bühne, die er bald schon nach seinen Vorstellungen prägt. Hauptperson ist Marcus Soranus, Spross einer alten Familie, die der Senatsopposition unter den Flaviern angehörte. Als Bote von Sura nach Germanien geschickt, ist Marcus bald von Trajans Charisma eingenommen. Der Autor beschreibt den Kaiser als einen energischen Mann, der Menschen für sich gewinnt und auch durch seine äußere Erscheinung beeindruckt.
Sura, der "Kaisermacher", muss sich bald eingestehen, dass er Trajan nicht wie eine Marionette lenken kann und dieser schon bald seine eigene Politik macht. Als geborener Soldat rüstet er zum Krieg gegen den Dakerkönig Decebal. Bedenken seines Vaters gegenüber der Politik des neuen Kaisers lässt Marcus Soranus nicht zu. Auch sein Freund Fulvius Rusticus ist, obwohl bekennender Soldat, kein begeisterter Anhänger des neuen Herrschers.
Zwischen den Dakerkriegen beginnt Trajan, durch gewaltige Bauprojekte, vor allem sein neues Forum, Rom umzugestalten. Nur durch Gesten der Bescheidenheit und des Entgegenkommens unterscheidet er sich vom Tyrannen Domitian. Dass er Beschlüsse vom Senat bestätigen lässt, ist reine Formsache.
Zwischenzeitlich entfremden sich Sura und der Kaiser voneinander. Als Trajan eine Alexander-Biografie Plutarchs liest, verfällt er seinem Alexander-Traum, der sich bald zum Wahn steigert und dazu führt, dass er den Partherkrieg beginnt. Einer der Söhne des Soranus fällt in diesem Krieg. Der andere Sohn wirft dem Kaiser in seiner Verzweiflung das Schwert vor die Füße und kritisiert dessen Politik. Marcus bittet Trajan, das Leben seines Sohnes zu schonen, und bietet sein eigenes. Der Kaiser begnadigt beide, entlässt sie jedoch aus dem Heer. Es folgen die vergebliche Belagerung Hatras, die Erkrankung des Kaisers und dessen Ende als Pflegefall. Ein Vertrauter des Curiatius Maternus resümiert, dass Trajan ihm, seinem Konkurrenten, beweisen wollte, dass er die Macht zu Recht besaß.
Gerd Trommer hat die Quellen und den Stand der modernen Forschung in den Roman einfließen lassen. Seine Interpretationen der Fakten bewegen sich im Rahmen der Freiheiten, die einem Romanautor offen stehen. Es gefällt mir, dass gewisse Animositäten unter Persönlichkeiten, die in der Zukunft schwerwiegende Folgen haben würden, schon zu Beginn der Handlung deutlich werden, so zwischen Attianus und den vier Konsularen oder Hadrian und dem Architekten Apollodoros.
Auch diesem Roman merkt man an, dass dem Verfasser ein tieferes Verständnis für die römische Gesellschaft fehlt. Aus Unkenntnis heraus wurden einige Konstellationen geschaffen, die es so nicht geben konnte. Ein Ritter wie Acilius Attianus heiratete keine Prostituierte; dies war ihm sogar gesetzlich verboten. Eine solche Frau konnte bestenfalls seine Geliebte sein. Der Senat kann kein Gesetz erlassen haben, das die dynastische Erbfolge verbot. Auch Trajan vererbte die Macht schließlich dynastisch. Cornelia, fiktive Schwester des Publilius Celsus, heiratete Cornelius Palma, aber ihrem Namen nach hätte sie eher Palmas Schwester sein können. Als Senatorensohn wurde Marcus Soranus nicht ohne Rang in Trajans Heer aufgenommen und er hätte auch nicht die Grundausbildung eines gewöhnlichen Legionärs durchlaufen. Ein solcher Mann wurde Tribun. Ebenso wenig dienten die Söhne des Soranus bei den Hilfstruppen, den Reitern des Lusius Quietus. Marcus Ulpius Phaedimus, Mundschenk Trajans, war, wie sein Name verrät, freigelassener Sklave des Kaisers und nicht Sohn eines Centurios.
Aber die Ungereimtheiten halten sich in Grenzen. "Wahn der Macht" ist sowohl spannend und berührend erzählt als auch guter Geschichtsunterricht. Die wesentlichen Ereignisse werden historisch korrekt widergegeben. Mein Eindruck ist, dass der Roman nicht nur von der Epoche Trajans handelt, sondern auch etwas über die Zeit erzählt, in der er verfasst wurde. Die Enttäuschung über ein politisches System, das bei allem fortschrittlichen Anstrich doch starr war und von einer machtbesessenen Zentrale gelenkt wurde, mag in der DDR nach dem Sturz Walter Ulbrichts und der Machtergreifung Erich Honeckers geherrscht haben. Auch die Politikverdrossenheit vieler Menschen und ihr Rückzug ins Private passen eher in die DDR als ins erste bzw. zweite nachchristliche Jahrhundert. All das schadet dem Roman nicht. Vielmehr ist Gegenwartsbezug ein Qualitätsmerkmal. Trotz mancher Fehler im Detail zählt "Wahn der Macht" zu den besten historischen Romanen, die ich gelesen habe. Nach dem ersten Lesen hatte ich eine Schreib- und Sinnkrise. Es gibt einen guten Trajan-Roman, dachte ich damals, was will ich denn da noch schreiben. Ich musste das Buch noch mehrmals lesen, brauchte weitere Lektüre und zeitlichen Abstand, um meine Meinung zu ändern.
Gerd Trommer: "Wahn der Macht", prisma- Verlag DDR, Leipzig 1987, ISBN 3-7354-0018-3
Sonntag, 13. August 2017
Rezension zu "Traianus" von Hubertus Prinz zu Löwenstein
Ich kenne zwei Romane, die Kaiser Trajan und seiner Zeit gewidmet sind. "Traianus - Weltherrscher im Aufgang des Christentums" von Hubertus Prinz zu Löwenstein ist einer davon. Der Autor hat mehrere historische Romane verfasst, die im alten Rom handeln.
Bereits der erste Satz des Klappentextes im Cover enthält einen Fehler: Trajan wird als erster Nichtrömer auf dem Caesarenthron bezeichnet. Der Kaiser war Römer, wenn auch seine Familie in der Provinz beheimatet war. Historiker meinen heute, dass er höchstwahrscheinlich auch Stadtrömer von Geburt war.
Das erste Kapitel enthält den Briefwechsel des "jungen Plinius", eines Adoptivsohnes Plinius des Jüngeren, mit Kaiser Hadrian. Darin geht es um die Memoiren Trajans, die jener Plinius aufgezeichnet hat, die Wahl des Verlages und weitere Details der Veröffentlichung sowie Hadrians Anmerkungen und schließlich seine Freigabe des Textes. Fraglich ist, ob dies in solchem Umfange nötig gewesen wäre.
Im zweiten Kapitel erzählt der fiktive Gaius Plinius Calpurnius Secundus über sich selbst. Die Idee, einen Adoptivsohn des Plinius zu erschaffen und ihn als Biograph in der Nähe Trajans zu positionieren, gefällt mir gut. Jener Plinius überbrachte dem Kaiser die Nachricht vom Tod seines Vaters (Plinius des Jüngeren) an die Partherfront und blieb von da an als einer der pueri nobiles beim Herrrscher. Auch der Begriff "Edelknappen" fällt. Wenn sich die römische Oberschicht, angelehnt an griechische Gepflogenheiten, mit Knaben und jungen Männern einließ, dann keinesfalls mit Senatorensöhnen, sondern Sklaven, Freigelassenen bzw. Angehörigen unterer Schichten. Von Trajan sind derartige Neigungen überliefert, aber der Senat hätte ihm zweifelhafte Verhältnisse zu jungen nobiles übel genommen. Das Verhältnis zwischen dem jungen Plinius und dem Kaiser bleibt im Roman frei von Erotik. Hadrian kann Plinius nicht als "Sekretär" eingestellt haben. Sekretäre waren normalerweise freigelassene Sklaven, höchstens Ritter. Dass Plinius als Biograf eine Arbeit tat, die auch ein Sekretär hätte tun können, wäre ja auch ohne die Berufsbezeichnung denkbar.
Im dritten Kapitel beginnt die eigentliche Biografie - nochmals mit einem "Vorbericht". Plinius erzählt von der historisch belegten Tigrisfahrt Trajans zum Persischen Golf. Oft ist von Alexander dem Großen die Rede, den der Kaiser schätzte und als Vorbild betrachtete. Seine Pläne, bis nach Indien vorzustoßen, gibt der Imperator wegen gesundheitlicher Probleme auf. Vom vierten bis ins siebenundzwanzigste Kapitel hinein wird das Leben und Wirken Trajans unter Berücksichtigung aller bedeutsamen historischen Ereignisse jener Zeit erzählt, genauer gesagt, vom Herrscher selbst. Eingeschoben sind Dialoge zwischen Trajan und seinem Biografen, nachträgliche Bemerkungen Hadrians sowie spätere (fiktive) Ergänzungen des Geschichtsschreibers Cassius Dio. Manche Zwischenbemerkungen aus "junger Keckheit" (so nennt es Hadrian) des Plinius gefallen mir gut und lockern den Text auf.
Der Roman liest sich selbst für Kenner der Zeit, so mein Eindruck, ziemlich mühsam. Der Autor kannte die literarischen Quellen und brachte dies mit ein. Er spannt den Bogen sehr weit - zu weit, wie ich finde. Er bringt den Kaiser auch mit Ereignissen in Verbindung, an denen er vermutlich gar nicht beteiligt war. So entsteht der Eindruck, dass er schon als junger Mann in jedem Konflikt und an jedem Brennpunkt des Imperiums im Einsatz war, was aber unwahrscheinlich ist. Als er dann noch sagt: "In Rom nannte man mich den tribunus vigilum, den Feuerwehrhauptmann", grenzt das schon an unfreiwillige Komik. Die hohen Offiziere der vigiles, der paramilitärisch organisierten Feuerwehr, waren Ritter. Wer einen Senatorensohn einen tribunus vigilum nannte, machte ihm gewiss kein Kompliment.
Wenn ein Autor das Leben einer historischen Persönlichkeit wie Trajan beschreibt, hat er monumentalen Stoff zu bearbeiten. Weniger wäre bei "Traianus" mehr gewesen. Auch ist die Erzählform in Briefen und in Rückblenden an sich schon gewöhnungsbedürftig. Marguerite Yourcenar ist es in "Ich zähmte die Wölfin" gelungen, Hadrian auf poetische Weise von sich erzählen zu lassen. Hubertus Prinz zu Löwenstein hat sich, meine ich, an seinem Thema auch literarisch übernommen. Fraglich ist, ob eine reflektierende autobiografische Erzählweise zu Trajan überhaupt passen würde.
Mir fehlen Beschreibungen, Schilderungen, welche die Phantasie anregen und Nähe erzeugen. So ambitioniert der Autor auch vorging: Man merkt dem Roman an, dass Hubertus Prinz zu Löwenstein zu wenig über die römische Gesellschaft wusste. Deswegen unterliefen ihm diverse Fehler. Beispielsweise gab es keine "Legionsschulen" für die Kinder. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Ulpia Marciana ihrem Bruder, dem späteren Kaiser, Lesen und Schreiben beibrachte. Der Sohn eines Senators wurde von Privatlehrern unterrichtet. Wenn Trajan sagt, seine Familie sei nicht reich gewesen, so entspricht das nicht den Tatsachen. Auch hat der ältere Trajan seinen Sohn nicht als Fahnenträger in die Legion aufgenommen, sondern, wie für einen Senatorensohn üblich, als Tribun. In Selinus in Kleinasien war keine Legion stationiert, und selbst wenn es dort ein Legionslazarett gegeben hätte, würde der Kaiser sich kaum zur Behandlung dorthinein begeben: Er und seine Familie wurden selbstverständlich von Ärzten begleitet. Man kann sich ein Legionslazarett auch nicht wie ein modernes Sanatorium vorstellen.
Als der Roman verfasst wurde, gab es noch nicht die Möglichkeit der schnellen Recherche im Internet. Aber ein Nachschlagewerk wie das in der DDR erhältliche "Lexikon der Antike" hätte in vielen Fällen für Klarheit gesorgt. Da sich der Autor von Altertumswissenschaftlern beraten ließ und sehr belesen war, finde ich es schade, dass es zu diesen Fehlern kam, von denen ein Großteil zu vermeiden gewesen wäre.
Mit der historischen Glaubwürdigkeit verschiedener Aussagen im Buch möchte ich mich nicht auseinander setzen, da ein Romanautor mehr Freiheiten in der Interpretation der Fakten hat als ein Historiker. Aber mit der Sympathie für die Christen, die der junge Plinius und auch der Herrscher selbst äußern, kann ich mich nicht anfreunden. Wenn Trajan feststellt, dass die Christen - im Unterschied zu den Juden - keine Feinde des römischen Imperiums seien, steht dies im Gegensatz zu seiner Politik.
Die Christen waren eine Bedrohung für die damalige Ordnung. Die alten Römer waren integrativ und tolerant, aber es gab ein paar Grundregeln, die eingehalten werden mussten. Dazu gehörten die formale Anerkennung der Staatsgötter, die damit verbundenen kultischen Handlungen und im Besonderen der Kaiserkult. Dies war nicht nur eine Forderung, sondern auch eine Chance. Der Kaiserkult war verbindendes religiöses Element für alle Bewohner des Imperiums, ein Herzstück der Romanisierung. Fremde Gottheiten waren den Römern willkommen: neben Jupiter und Mars wurden auch Isis, Mithras und Kybele verehrt. Aber bei aller Vielfalt musste es auch Verbindendes geben. Wenn Christen diesen Pflichten nicht nachkamen, wurden sie zum Tode verurteilt. Für eine andere Verfahrensweise oder gar Anerkennung ihres Glaubens war die Zeit unter Trajan noch nicht reif.
Neben dem Wunsch, den Kaiser in die Nähe zum Christentum zu rücken, hatte der Autor auch folgendes Motiv, mit dem er das Vorwort beschließt: "Ich wäre glücklich, wenn ich durch dieses Werk zum Ruhme des Mannes beitragen könnte, den der Name "Optimus" vor allen anderen Herrschern der Weltgeschichte auszeichnet und dessen Beispiel wahrer Herrschertugend heute nötiger ist denn je."
Dies schrieb Hubertus Prinz zu Löwenstein nicht etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern 1981. Solche Ambitionen sind schlicht nicht zeitgemäß und politisch fragwürdig. Das wundert mich, da der Autor sowohl gebildet als auch gesellschaftlich aktiv war, umso mehr.
Literatur:
Hubertus Prinz zu Löwenstein: Traianus, Weltherrscher im Aufgang des Christentums, Langen Müller, München-Wien 1981, ISBN 3-7844-1905-4
Montag, 24. April 2017
Corduba - Córdoba
Am 26.02.2017 las ich in einer Vitrine im Saalburgmuseum, dass Olivenöl meist aus der Baetica, einer Provinz im antiken Hispanien, importiert wurde und dass es zwischen Sevilla und Córdoba riesige Olivenbaumplantagen gab. Am Tag zuvor, dem 25. Februar, waren wir von Sevilla nach Frankfurt geflogen. Knapp drei Stunden benötigten wir für diese Strecke. In der Antike hätte es mehrere Wochen gedauert, um von da nach dort zu kommen. Aber es war ein Reich, das von Rom aus regiert wurde. Olivenbaumplantagen gibt es heute noch in Andalusien. Wir haben sie gesehen.
Der Name der Provinz Baetica im Süden des antiken Hispaniens ist vom Fluss Baetis abgeleitet, dem heutigen Guadalquivir. Der Baetis war die Lebensader jener schönen und reichen Provinz. Die Hauptstadt der Baetica war Córdoba, damals Corduba, um 150 v. Chr. als römische Stadt gegründet. Gesiedelt wurde an dieser Stelle jedoch schon viel früher, um die zweitausend Jahre v. Chr.
Als Senatsprovinz wurde die Baetica, anders als die kaiserlichen Provinzen, die unter der Aufsicht der Kaiser bzw. der Statthalter standen, von Prokonsuln verwaltet. Im Zeitraum 65/66, unter der Herrschaft des Kaisers Nero, war der Prokonsul der südspanischen Provinz Marcus Ulpius Trajanus, der Vater des späteren Kaisers. Im Jahre 64 war es zum großen Brand von Rom gekommen, 66 sollte Nero zu seiner über einjährigen "Künstler-"Reise nach Griechenland aufbrechen. Zu diesem Zeitpunkt müssen sich schon viele einflussreiche Senatoren von ihm abgewendet haben, zumal das Leben unter seiner Herrschaft gefährlich geworden war. Im Jahre 65 waren Seneca und sein Neffe Lucanus - beide stammten aus Corduba -, in den Tod getrieben worden. Gut möglich, dass Trajanus erleichtert über die Entsendung in die Heimatprovinz war. Es ist nicht überliefert, ob ihn sein Sohn (53 geboren, also damals ein Teenager) in die Baetica begleitet hat. Es ist aber durchaus möglich, bot doch eine solche Reise die Möglichkeit, die Heimat der Familie, die Besitztümer kennen zu lernen und durch den Vater erste Einblicke in die Verwaltung zu erhalten. Somit ist es denkbar, dass Trajan als Zwölfjähriger auch in Corduba war.
Die antike Stadt befand sich unter der heutigen historischen Altstadt. Unser Aufenthalt war zeitlich knapp bemessen, außerdem kamen wir an einem Montag an. Wir haben nur wenige Ruinen aus der Römerzeit gesehen und auch das archäologische Museum konnten wir nicht besichtigen. Leider muss man Prioritäten setzen und mir kam es eher darauf an, die Stadt zu sehen und zu spüren. Ich wollte sie auch am Abend erleben und über Nacht bleiben. Und natürlich interessierte mich die Landschaft zwischen Sevilla und Cordoba, die wir mit dem Bus durchquerten. Beherrschend sind die schon erwähnten Olivenbaumplantagen. Córdoba liegt im Norden Andalusiens. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, erreicht die Stadt entweder mit den Fernbussen, welche relativ häufig fahren, oder mit dem Zug. Man sieht sie von weitem vor der Sierra Morena liegen; hell heben sich Häuser und Türme von der Landschaft ab. Mein Hauptinteresse in diesem Urlaub galt Sevilla und Santiponce/Italica, aber Córdoba gefiel mir sehr.
Wir wohnten in einer Pension im Jüdischen Viertel mit kleinen Geschäften und Restaurants, wo man schön bummeln kann. Viele Sehenswürdigkeiten konnten wir zu Fuß erreichen, aber da wir nur wenige Stunden zur Verfügung hatten, waren wir oft mit Stadtrundfahrt-Bussen unterwegs. Wir sahen uns das römische Mausoleum an, genauer gesagt, den Teil, der ausgegraben worden ist, und blieben auch am römischen Tempel nahe der Kathedrale stehen. Bereits bei unserer Ankunft konnten wir einen Blick auf römische Ruinen im Busbahnhof werfen. Auch in der Nähe des Hauptbahnhofs waren Ausgrabungen zu sehen. Natürlich waren wir nicht nur an römischen Hinterlassenschaften interessiert. Der Alcázar ist montags geschlossen … wir müssen an einem anderen Wochentag wieder kommen! Aber wir besichtigten die Mezquita-Kathedrale, das Wahrzeichen von Córdoba. Man sieht der Kathedrale an, dass sie einst eine Moschee war, und zum Bau wurden auch antike Säulen verwendet. Im Innern der Mezquita fühlt man sich dem quirligen Treiben in den Gassen der Stadt entrückt und kommt zur Ruhe. Dazu trägt wohl das gedämpfte Licht bei, aber auch die Architektur, die Vielgliedrigkeit des Gebäudes: die Kathedrale wirkt weitläufig und komplex. Als während unseres Aufenthaltes dort die Orgel erklang, setzten wir uns, hörten zu und konnten unser Glück kaum fassen. Ein wunderschönes Stück wurde gespielt, lieblich und harmonisch, bis dann donnernd und brausend das Finale ertönte. Die Orgel ist wahrhaftig die Königin der Instrumente! Ich liebe Orgelmusik und jene, die wir in der Mezquita, einer der schönsten Kirchen der Welt, hörten, wird mir immer in Erinnerung bleiben.
Die römische Brücke in Córdoba befindet sich noch an der Stelle der Brücke aus der Römerzeit. Sie war lange die einzige Brücke über den Guadalquivir, wurde aber mehrfach umgebaut. Heute ist sie nur noch Fußgängerbrücke und besonders am Abend ein schöner Ort für einen Spaziergang. In der Antike soll der Baetis bis Corduba schiffbar gewesen sein. Allerdings fuhren die größeren Kähne nur bis Hispalis (Sevilla) und weiter ging es mit kleineren Schiffen. Heute fahren Schiffe nur noch bis Sevilla. Bei Córdoba ist der Fluss voller Inseln, die Rückzugsorte für Vögel sind. Auf einer der Inseln steht die Ruine einer alten Mühle.
Berühmt ist Córdoba für die schön gestalteten, grünen Innenhöfe, in denen sich oft Springbrunnen befinden. Diese Tradition geht auf die Römerzeit, aber auch auf maurischen Einfluss zurück. Córdoba hat mich bezaubert und ich würde gern einmal dorthin zurückkehren - dann aber unbedingt mit viel mehr Zeit.
Literatur:
Sabine Panzram: Stadtbild und Elite: Tarraco, Corduba und Augusta Emerita zwischen Republik und Spätantike, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 2002, ISBN 3-515-08039-2