Samstag, 9. Mai 2020

Der Vesuvausbruch im Jahr 79

Der Vesuvausbruch, der sich im Jahr 79 n.Chr. ereignete und mehrere Ortschaften zerstörte, unter denen Pompeji die bekannteste war und ist, zählt wohl zu den berühmtesten Naturkatastrophen der Antike. Unzählige Romane, Spielfilme, aber auch Dokumentationen versuchen, die damaligen Ereignisse erlebbar zu machen. Neben den archäologischen Spuren der Vergangenheit gibt es einen Augenzeugenbericht. Verfasser ist C. Plinius Caecilius Secundus, kurz Plinius der Jüngere, dessen Briefsammlung eine der wichtigsten Quellen zur trajanischen Zeit ist.

Plinius schilderte die Ereignisse in zwei Briefen an seinen Freund, den Geschichtsschreiber Tacitus, und zwar auf dessen Wunsch hin. Plinius ging davon aus, dass die Ereignisse, die zum Tod seines Onkels führten, Eingang in dessen Geschichtswerk finden würden. Seine eigenen Erlebnisse hielt er hingegen nicht für wichtig genug, um in einem Geschichtswerk behandelt zu werden. Innerhalb seiner Briefsammlung wurde beides veröffentlicht und ist heute für die Rekonstruktion der Katastrophe sehr wichtig.

Plinius der Ältere, Onkel Plinius des Jüngeren, war ein römischer Ritter. Zum Zeitpunkt der Katastrophe kommandierte er die in Misenum im Golf von Neapel stationierte Flotte. Details werde ich in einem nachfolgenden Text beschreiben. Plinius der Jüngere lebte mit seiner Mutter zusammen im Haushalt seines Onkels in Misenum. Er war damals 18 Jahre alt und es war seine Mutter, die dem Onkel die große und dunkle Wolke meldete, die am Himmel sichtbar war. Daraufhin ging Plinius der Ältere an einen erhöhten Punkt, um sich die - wortwörtlich - wunderbare Erscheinung betrachten zu können. Dass die Wolke vom Vesuv kam, wurde erst später erkannt. Ihre Form ähnelte einer Pinie, und ihre Farbe wechselte von Weiß bis schmutzig und fleckig.

Plinius der Ältere war ein Gelehrter, der ein Werk über Naturgeschichte veröffentlicht hatte, und es drängte ihn, dieses Naturereignis zu untersuchen. Er ließ eine Liburne, ein schnelles, leichtes Kriegsschiff, bereitstellen, um näher heranzufahren. Plinius der Jüngere war mit Studien beschäftigt, die er nicht näher beschreibt, und verzichtete darauf, an der Erkundungsfahrt teilzunehmen. Doch ehe sein Onkel an Bord gehen konnte, erhielt er eine Nachricht einer Bekannten, die direkt unterhalb des Vesuv wohnte und ihn bat, ihr bei der Flucht aus der Gefahrenzone helfen, denn dies sei nur noch mit dem Schiff möglich. Plinius ließ daraufhin mehrere Quadriremen, große Schlachtschiffe, in See stechen. Er mobilisierte also einen Teil der Kriegsflotte für die Rettungsmission und war selbst an Bord eines dieser Schiffe. Während der Fahrt notierte er alles, was er beobachtete.

Asche und Steine fielen auf die Schiffe, eine Untiefe tat sich plötzlich im Meer auf, und die Küste war durch die herabfallenden Gesteinsbrocken unzugänglich geworden. Plinius entschied, in eine benachbarte Bucht, nach Stabiae, zu fahren. Dort lebte Pomponianus, einer seiner Offiziere. Pomponianus hatte schon all sein Gepäck auf Schiffe bringen lassen, um auszulaufen, sobald sich der Gegenwind legte. Jener Wind war aber für Plinius und seine Schiffe günstig gewesen. Plinius ging an Land, ermutigte Pomponianus, gab sich betont ruhig und speiste entspannt zu Abend. Zumindest wirkte er darin überzeugend, entspannt zu sein. Am Vesuv zeigten sich gewaltige Flammenstreifen und Brände, aber er sagte, um die anderen zu beruhigen, dies seien nur Feuer, die von verlassenen Gehöften ausgingen. Schließlich legte er sich schlafen und er schlief auch fest, denn seine Leute hörten ihn schnarchen.

Doch bald war der ans Schlafzimmer angrenzende Hof so hoch mit Asche und Bimsstein gefüllt, dass man befürchtete, eingeschlossen zu werden. Plinius wurde aufgeweckt, und er ging zu den Anderen ins Freie. Sie überlegten, ob sie im Haus bleiben oder im Freien auf und ab gehen sollten, denn die Erde bebte, aber draußen fürchteten sie, von herabfallenden Steinen getroffen zu werden. Zum Schutz vor den Steinen banden sie sich Kissen auf den Kopf und blieben draußen. Obwohl der Tag angebrochen war, blieb es dunkel. Die Leute gingen zum Strand, um nachzusehen, ob sich das Meer beruhigt hatte und man aufbrechen könne. Plinius legte sich dort auf ein Tuch und verlangte nach Wasser, das er trank. Schwefelgeruch und nachfolgende Flammen ließen ihn aufstehen, aber er brach auf der Stelle zusammen. Woran er gestorben war, lässt sich nicht genau sagen. Er war unverletzt, als er gefunden wurde, und ähnelte mehr einem Schlafenden als einem Toten.

Plinius der Jüngere war mit seiner Mutter in Misenum geblieben. Er hatte seine Studien fortgeführt, danach gebadet, vermutlich auch gespeist und geschlafen. Schon an den Tagen zuvor hatte es Erdstöße gegeben, die aber häufiger in der Gegend waren und vermutlich eher gering, so dass sie ihn nicht weiter beunruhigten. Nun wurden sie stärker, und Plinius und seine Mutter wachten auf. Sie setzten sich hinaus in den Hof, und er begann zu lesen. Da kam ein Freund des Onkels vorbei und tadelte beide für ihre Sorglosigkeit. Bei Tagesanbruch gab es heftige Erdstöße, und sie beschlossen, die Stadt zu verlassen. Viele Menschen folgten ihnen. Als sie den Ort hinter sich gelassen hatten, beobachteten sie, dass sich die Flut zurückzog. Eine dunkle Wolke über dem Vesuv wurde vom Feuer wie von Blitzen zerrissen.

Der Freund des Onkels drängte sie, zu fliehen. Sie waren jedoch in Sorge, so lange sie nichts über seinen Verbleib wussten. Die Wolke senkte sich über die Erde und das Meer herab. Die Mutter forderte Plinius auf, allein zu fliehen und keine Rücksicht auf sie zu nehmen, aber er weigerte sich und nahm sie bei der Hand. Asche fiel herab, zunächst noch wenig. Plinius entschied sich, von der Straße abzuweichen, weil er fürchtete, dass fliehende Menschen sie niederreißen und treten würden. Sie setzten sich abseits hin und es wurde dunkel. Das Feuer drang nicht bis zu ihnen vor, aber Asche fiel dicht und schwer herab. Sie mussten immer wieder aufstehen und sie abschütteln, um nicht darunter begraben zu werden. Plinius hatte damals den kümmerlichen, aber für ihn tröstlichen Gedanken, dass er mit allem und alles mit ihm zugrunde ging.

Doch irgendwann wurde der Qualm dünner und verflüchtigte sich. Es wurde hell und sogar die Sonne kam fahl aus dem Nebel hervor. Alles war mit Asche wie mit Schnee bedeckt. Plinius der Jüngere und seine Mutter kehrten nach Misenum zurück, doch die Furcht dauerte an. Drei Tage nach seinem Tod wurde Plinius der Ältere aufgefunden. Die Städte Pompeji, Herculaneum und Stabiae blieben 1.500 Jahre lang unter einer mehrere Meter hohen Schicht von Asche und Gestein verschüttet. Marcus Aurelius nannte hundert Jahre danach in seinen Selbstbetrachtungen ihre Namen und kannte ihr Schicksal, doch irgendwann müssen sie in Vergessenheit geraten sein.

Literatur:

Plinius der Jüngere, Briefe, VI 16 und 20, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1998, ISBN 3-15-059706-4

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