Samstag, 8. Mai 2021

Caligulas Kindheit und Jugend bis zu seinem Herrschaftsantritt

Als Gaius Caesar Germanicus, genannt Caligula, 24jährig den Trauerzug des verstorbenen Tiberius begleitete, begrüßten ihn Provinzbewohner, Soldaten und das Volk von Rom mit großer Freude und geradezu zärtlicher Zuneigung. Der Sohn des beliebten und früh verstorbenen Germanicus war ein Hoffnungsträger nach den düsteren letzten Jahren. Sie riefen ihn "Stern", oder "Bübchen". Bildnisse zeigen einen hübschen, aufgeweckten jungen Mann, Kindheitsbildnisse geradezu einen Engel, doch manche Porträts lassen schon erkennen, dass er es faustdick hinter den Ohren hatte. Es sollte nicht lange dauern, und Bübchen würde dem Volk einen einzigen Hals wünschen, um es zu erwürgen.

Als Germanicus sein Oberkommando in Germanien übernahm, folgten ihm bald seine Gattin Agrippina und der gerade zweijährige Sohn ins Militärlager. Agrippina war keineswegs untätig, sondern machte auch dort ihren Einfluss geltend. Sie hat wahrscheinlich dafür gesorgt, dass der kleine Junge eine eigens für ihn angefertigte Soldatenuniform trug mit kleinen genagelten Soldatenstiefelchen, caligae genannt. Gaius wurde der Liebling der Truppe und erhielt den Spitznamen Caligula, der ihm zeitlebens erhalten blieb.

Beim Triumph seines Vaters stand Gaius zusammen mit seinen anderen vier Geschwistern auf dem Wagen. Als Germanicus in den Orient gesandt wurde, durfte Gaius wieder ihn und die Mutter dorthin begleiten, während die Geschwister in Rom blieben, wo sie wahrscheinlich standesgemäß unterrichtet wurden. Germanicus hatte eine diplomatische Mission; aber er nutzte die Reise auch für zahlreiche touristische Abstecher: Athen und Byzanz wurden ebenso besichtigt wie der Schauplatz der Schlacht von Actium sowie die Inseln Euböa, Lesbos und Rhodos. In Kleinasien war Troja Station und schließlich ging es nach Syrien. Überall wurden Germanicus und seine Familie wie Herrscher empfangen und als Götter verehrt. Eine weitere touristische Reise ging nach Ägypten. Zurück in Syrien, wurde Germanicus krank und starb. Er selbst befürchtete, vergiftet worden zu sein. Agrippina überführte die Urne mit der Asche ihres Gatten in Begleitung ihres Sohnes und ihrer kleinen Tochter, die während der Reise geboren worden war, nach Italien und weiter nach Rom. Die Trauer um Germanicus war groß. Gaius erlebte dies als Siebenjähriger bewusst mit. Und die Emotionen kochten hoch. Agrippina bezichtigte Livia und Tiberius, hinter dem Giftmord zu stecken, der jedoch nie nachgewiesen werden konnte. Dieser Verdacht konnte nie ausgeräumt werden, gab es doch noch keine gerichtsmedizinischen Untersuchungen.

Das Verhältnis zwischen Tiberius und Agrippina war immer gespannt, sie konnten einander nicht leiden. Doch nach dem Tod des leiblichen Sohnes des Tiberius, Drusus, kamen die Söhne des Germanicus für die Nachfolge in Frage. Tiberius war trotz seiner robusten Gesundheit nicht mehr der Jüngste. Er empfahl Drusus Caesar und Nero Caesar (nicht identisch mit dem späteren Kaiser Nero), ältere Brüder von Gaius, dem Senat, der die beiden jungen Männer so mit Ehrungen überhäufte, dass Tiberius wiederum verärgert darüber war. Im Jahr 27 zog sich der Kaiser nach Capri zurück und regierte fortan von dort aus. In Rom wurde der Prätorianerpräfekt Seian immer mächtiger. Vielleicht hat Agrippina tatsächlich geplant, ihre Söhne vorzeitig auf den Thron zu bringen. Aber es ist auch möglich, dass Seian sie bewusst ausschalten wollte, vielleicht aus Sorge um Tiberius und um seine eigene Stellung. Seian muss umgekehrt auch Agrippina Furcht vor einem Mordanschlag gemacht haben, denn sie weigerte sich, bei einem Gastmahl des Kaisers Früchte zu essen, die dieser ihr reichte, was ihn sehr aufbrachte. Seian erreichte es, dass Agrippina und Drusus auf Inseln verbannt wurden, wo sie später umkamen oder sich selbst töteten. Aber auch Nero entging den Intrigen nicht: unter dem Vorwurf eines allzu losen Lebenswandels wurde er verurteilt und auf dem Palatin eingekerkert, wo er verhungerte. Gaius war noch zu jung, um Ziel von Intrigen zu sein.

Er und seine Schwestern lebten seit der Verbannung der Mutter im Hause der Urgroßmutter Livia, der Gattin des Augustus. Doch zwei Jahre später starb sie. Der vierzehnjährige Gaius hielt ihr die Trauerrede. Fortan lebte er im Haus der Antonia, Schwägerin des Tiberius und Tochter des Marcus Antonius. Antonias Privatsekretärin Caenis wurde später Lebensgefährtin des Kaisers Vespasian.

Antonia und Tiberius hatten ein gutes Verhältnis zueinander, und vielleicht war sie es, die den Kaiser dazu aufforderte, Caligula zu sich nach Capri zu rufen. Der nun Achtzehnjährige musste endlich die Männertoga anlegen und in die Ämterlaufbahn eintreten, und sein nächster noch lebender männlicher Verwandter war Tiberius, durch Adoption sein Großvater. So absurd die Situation erscheint: Mutter und Brüder in Ungnade, und Gaius wurde unter kaiserliche Obhut genommen, so ist sie doch typisch für die römische Aristokratie. Sippenhaft war eher unüblich. Die reinste Schlangengrube, doch familiäre Verpflichtungen mussten erfüllt werden. Die Zeit auf Capri muss für Caligula ebenso prägend gewesen sein wie die turbulente Zeit davor. Tiberius war nie besonders umgänglich, in seinen letzten Lebensjahren vermutlich noch schwieriger als zuvor. In seiner Umgebung befanden sich Leute, die der Familie des Germanicus nie wohlgesonnen waren. Doch Gaius verhielt sich äußerst klug und zurückhaltend. Er soll über eine gute Menschenkenntnis verfügt haben und konnte aus der Mimik seines Gegenübers auf dessen Gefühle und Absichten schließen. Er war imstande, seine Emotionen zu kontrollieren, wenn es nötig war. Auch als seine Mutter und Brüder tot waren, ließ er sich zu keiner Klage hinreißen. Er versuchte, sich so gut wie möglich an Tiberius anzupassen, um nicht sein Missfallen zu erregen. Gaius war genau wie sein Vater in jeglicher Hinsicht begabt und intelligent, und er vervollkommnete seine Bildung auf Capri, um seinem Großvater zu schmeicheln. Tiberius war gebildet und belesen und bevorzugte den Umgang mit Gelehrten und Literaten.

Als Quästor in Abwesenheit trat Caligula sein erstes öffentliches Amt an und erhielt das Privileg, sich vor der Zeit auch um die höheren Ämter zu bewerben. Und Tiberius verheiratete ihn mit der Tochter seines Vertrauten Silanus, eines angesehenen Senators. Sie gehörte allerdings nicht der kaiserlichen Familie an. Welche Pläne Tiberius für Gaius hatte, war ungewiss. Auch ihr gegenseitiges Verhältnis bleibt undurchsichtig. Caligula soll später selbst erzählt haben, er wäre oft mit einem Dolch ins Zimmer des schlafenden Tiberius gestürmt, um Rache für den Tod der Mutter und der Brüder zu nehmen, hätte es dann aber doch nicht über sich gebracht. Und Tiberius soll es sogar gemerkt und dennoch nichts unternommen haben. Andererseits heißt es, dass der neue Prätorianerpräfekt Macro Gaius auf Capri mehrmals das Leben gerettet hat. Es ist möglich, dass die Situation für ihn dort mitunter zu kippen drohte. Doch jene Aussagen sind ziemlich widersprüchlich.

Tiberius war jedenfalls kein Großvater, der einen guten, stärkenden Einfluss auf den jungen Mann ausüben konnte. Es ist sogar wahrscheinlich, dass der verbitterte und an depressiven Schüben leidende alte Mann eher dazu beitrug, eine ungute Grundlage im Gemüt von Gaius zu legen. Aus Angst vor Verschwörungen gab es unzählige Todesurteile. Rom begann den Kaiser zu hassen. Und Tiberius litt unter diesem Hass und an sich selbst. Sein leiblicher Enkel, Tiberius Gemellus, war ebenfalls auf Capri anwesend, aber deutlich jünger als Gaius. Ob Tiberius einen der beiden jungen Männer bevorzugte, ist nicht bekannt. Doch es wurde klar, dass beide nun Nachfolgekandidaten waren. Sueton überliefert eine Prophezeiung des Tiberius, Caligula würde dem römischen Volk eine Natter und dem Erdkreis ein Phaeton sein. Diese Äußerung halte ich für erfunden, gut erfunden, denn Tiberius war ein Kenner der Mythologie, doch er konnte nicht wissen, wie die Sache ausging und hat Gaius nie als seinen Nachfolger empfohlen. Er wollte oder konnte die Entscheidung nicht treffen und setzte beide, Adoptiv- und leiblichen Enkel, in seinem Testament zu gleichberechtigten Erben ein.

Andere trafen die Entscheidung, voran der Gardepräfekt Macro, der Gaius bevorzugte und unterstützte. Für den Fall des Ablebens des Kaisers musste es schon vorher zu Absprachen gekommen sein. Vor seinem Tod ging Tiberius noch einmal an Land, wo er bald erkrankte. Wie genau er starb, ist umstritten. Es gibt Meinungen, der Gardepräfekt oder Caligula hätten nachgeholfen und ihn mit Decken oder einem Kissen erstickt. Doch war das noch notwendig? Tiberius stand im achtundsiebzigsten Lebensjahr und war geschwächt; die Prognosen der Ärzte waren nicht gut. Ich halte die Version für wahrscheinlich, wonach er sich allein aus dem Bett erhob und nicht weit davon zusammenbrach. Macro präsentierte Caligula der Garde, die ihn als Kaiser begrüßte, und sorgte auch dafür, dass der Senat kooperierte. Das römische Weltreich bekam einen ungewöhnlich jungen Herrscher. Würde er die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen?

Literatur:

Aloys Winterling: "Caligula - Eine Biografie", Beck-Verlag 2019, ISBN 978 3 406 74269 9

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