Samstag, 15. Mai 2021

Caligula - junger Kaiser und Hoffnungsträger

Wie auch bei Nero, begann auch die Regierungszeit des Caligula, der im März 37 im Alter von 24 Jahren Kaiser wurde, hoffnungsvoll. Nach seinem Einzug in Rom wurde erst einmal gefeiert, drei Monate lang. Die Garde, die ihm zur Macht verholfen hatte, die Feuerwehr und die Stadtkohorten (eine Art Polizeitruppe) erhielten ein Geldgeschenk. Es gab Geldschenkungen an das Volk von Rom - pro Framilie 300 Sesterzen. Außerdem veranlasste Caligula die testamentarischen Schenkungen seiner Urgroßmutter Livia, die Tiberius für ungültig erklärt hatte. Und auch die Schenkungen des Tiberius wurden veranlasst.

Caligula reiste zu den Inseln, wo seine Mutter und sein Bruder umgekommen waren, barg ihre sterblichen Überreste eigenhändig und überführte sie unter Ehren nach Rom, wo sie im Augustus-Mausoleum beigesetzt wurden – eine Geste, die alle rührte. Aber nicht nur die Verstorbenen, auch die Lebenden wurden geehrt: die Großmutter Antonia erhielt den Augusta-Titel. Sein Onkel Claudius wurde mit ihm zusammen Konsul, und auch seine Schwestern, zu denen er ein enges Verhältnis hatte, wurden geehrt.

Der junge Kaiser adoptierte Tiberius Gemellus, den Enkel des Tiberius, der nur sieben Jahre jünger war als er selbst, und hatte somit schon seine Nachfolge gesichert.

Dem Senat schmeichelte Caligula, er nannte sich Sohn und Mündel der Männer und versprach, sie an der Macht zu beteiligen. Die Majestätsprozesse schaffte er ab schenkte den Verurteilten und Verbannten die Freiheit. Die Prozessakten aus der Zeit des Tiberius ließ er öffentlich auf dem Forum verbrennen. Später sollte sich herausstellen, dass er sich Kopien davon gemacht hatte. Dies war ein Schlussstrich unter die Vergangenheit, denn auch seine Mutter und Brüder waren unter den Verurteilten gewesen.

Caligula wurde gut beraten. Der Prätorianerpräfekt Macro und Silanus, sein ehemaliger Schwiegervater, lenkten ihn. Sie hatten ihm zur Macht verholfen und wohl auch mit Senat und den Konsuln ausgehandelt, wie sich die ersten Monate gestalten würden. Gaius verzichtete auf äußere Ehrungen, demonstrierte Bescheidenheit und bemäntelte seine Machtfülle. Das hinderte ihn nicht daran, diese mitunter schon offen zu demonstrieren: durch einen Aufmarsch der Garde vor dem Senat. Caligula hatte sich schon unter Tiberius als intelligent und anpassungsfähig erwiesen. Auch seine großartigen Schenkungen steigerten seine Beliebtheit. Macro belehrte ihn, wie er sich als Herrscher zu benehmen hatte: es sei unwürdig, wenn er sich bei Theatervorführungen zu sehr mitreißen ließ, in die Worte und den Gesang von Künstlern einstimmte oder gar tanzte. Allzu lautes Gelächter war ebenso unwürdig wie das Einschlafen beim Gelage. Aber der junge Mann, der gelenkt werden sollte, war Herrscher des Imperiums. Es war nur eine Frage der Zeit, dass er sich von seinen Ratgebern emanzipieren würde.

Die Schwestern des Kaisers wurden seine engsten Vertrauten. Besonders Drusilla liebte Gaius so sehr, dass von einem inzestuösen Verhältnis gemunkelt wurde. Ihr Gatte Aemilius Lepidus war Caligulas engster Vertrauter unter den Senatoren. Veränderungen bei Hofe deuteten sich an. Da wurde der Kaiser plötzlich schwer krank. Die öffentliche Anteilnahme war so groß, dass Menschenmengen zum Palatin kamen, um Caligula bangten und für seine Genesung beteten. Macro und Silanus rechneten mit dem Tod des Kaisers und bereiteten die Nachfolge vor. Doch Caligula entschied anders: auf dem Krankenbett bestimmte er Drusilla als Erbin seines Vermögens und der Herrschaft – ein ungeheurer Bruch mit einer noch jungen Tradition. Natürlich hätte Drusilla nicht Alleinherrscherin sein können - ihr Gatte Lepidus wäre Kaiser geworden. Ungewöhnlich war diese Maßnahme dennoch.

Aber der Kaiser wurde gesund. Und um zu verhindern, dass sich ein Konkurrent um die Macht etablierte, musste er Tiberius Gemellus beseitigen. Er wurde zum Selbstmord gezwungen. Und auch an der Entmachtung von Macro und Silanus führte kein Weg vorbei. Der Prätorianerpräfekt wurde zum Präfekt von Ägypten ernannt und durch zwei Prätorianerpräfekten ersetzt, die Caligula treu ergeben waren. Schon Augustus hatte das Amt doppelt besetzt, wie später auch Trajan und Hadrian. Noch ehe Macro nach Ägypten aufbrechen konnte, wurden er und weitere Personen, vermutlich Anhänger des Tiberius Gemellus, zum Tode verurteilt.

Silanus verlor seine Vorrangstellung im Senat, was einer Ächtung gleichkam. Er nahm sich das Leben. Es war ein brutaler Schnitt, den Caligula unternommen hatte, aber er musste sich behaupten und konnte keinen Konkurrenten und dessen Anhänger in seinem Umfeld dulden. So wurden damals Konflikte gelöst: Tiberius Gemellus oder Caligula. Und Caligula hatte sich als Stärkerer durchsetzen können.

Es folgten mehrere erfolgreiche politische Maßnahmen des jungen Kaisers. Er ließ Geschichtswerke wieder zu, die Tiberius verboten hatte, führte Volksabstimmungen wieder ein, ließ Rechenschaftsberichte über seine Verwaltung und Finanzen veröffentlichen, kümmerte sich um die Ergänzung des Ritterstandes durch die Oberschicht aus den Provinzen und setzte auch neue Senatoren ein. Es gab eine Steuersenkung und weitere populäre Maßnahmen, die weitgehend akzeptiert wurden. Doch Caligula begann Wesenszüge zu zeigen, die auf seine spätere Entwicklung hindeuteten. Ein Mann hatte während der Krankheit des Kaisers geschworen, sein Leben zu opfern, wenn dieser wieder gesund würde, ein anderer hatte geschworen, dann als Gladiator aufzutreten. Caligula bestand darauf, dass beide Männer ihre Versprechen einlösten, damit sie nicht eidbrüchig würden, und beide fanden den Tod.

Tiberius hatte über zwei Milliarden Sesterzen in der Staatskasse hinterlassen. Seine Sparsamkeit hat ihm nicht zu Beliebtheit verholfen. Caligula schaffte es, einen Großteil davon bald wieder auszugeben: für die ganzen Schenkungen anlässlich seines Regierungsantritts und für die prächtigen Spiele, die er veranstalten ließ. Und er setzte alles daran, mit seiner Haushaltsführung alle Mitglieder der Oberschicht zu übertrumpfen. Es herrschte teilweise ein unvorstellbarer Luxus. Er ließ Speisen mit Blattgold überziehen und trank in Essig aufgelöste Perlen. In diesem Wettbewerb um Luxus ruinierten sich so manche Familien.

In der Öffentlichkeit bewegte sich Caligula ungezwungen; er war ja sehr beliebt beim Volk. Und er begann, seine persönlichen Vorlieben ungehemmter auszuleben. Er war Anhänger der Factio der Grünen, eines Rennstalls für Zirkusveranstaltungen. Er ließ sich einen privaten Zirkus bauen, wo er selbst Wagenrennen fuhr. Auch als Gladiator trainierte er und umgab sich mit Schauspielern und Pantomimen, den Bühnenstars jener Zeit. Diese Publikumslieblinge waren jedoch gesellschaftlich nicht besonders geachtet und die Aristokratie muss diese Veränderung mit Befremden bemerkt haben. Die Freigelassenen am Hofe Caligulas müssen einigen Einfluss gehabt haben. Sein Privatleben verbrachte er kaum noch mit Senatoren, die den Konventionen zufolge doch seine Feunde sein sollten.

Im Juni 38 starb Caligulas Lieblingsschwester Drusilla. Dieser Schicksalsschlag muss ihn tief getroffen haben. Seine Trauer war so groß, dass er nicht in der Lage war, an ihrer Begräbnisfeier teilzunehmen. Er zog sich aufs Land zurück, wo er auch keine Zerstreuung fand. Dann begann er, Drusilla außerordentlich zu ehren. Er ließ sie zur Staatsgöttin erklären; im Senat und auf dem Forum wurden goldene Bildnisse von ihr aufgestellt. Ein Senator, der schwor, gesehen zu haben, wie Drusilla zum Himmel auffuhr, wurde von Caligula reich belohnt. Alle Frauen mussten fortan beim Eid auf ihren Namen schwören und auch der Kaiser selbst schwor nur noch bei der göttlichen Drusilla. Caligula hatte seine Schwester abgöttisch geliebt und war nicht in der Lage, Haltung zu bewahren und angemessen um sie zu trauern. Das war ein klares Zeichen von Unreife. Der junge Kaiser verlor nach und nach jegliches Maß..

Literatur:

Aloys Winterling: "Caligula", Beck-Verlag, München 2019, ISBN 978 3 406 74269 9

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