Sonntag, 25. Oktober 2020

Diogenes, die Kyniker und die philosophische Opposition im alten Rom

Unter den vielen beeindruckenden Bildern in der Gemäldegalerie „Alte Meister“ hier in Dresden befindet sich eines, das ich Besuchern besonders ans Herz legen möchte: „Diogenes mit der Laterne, auf dem Markte Menschen suchend“ von Jacob Jordaens, einem flämischen Maler des Barock. Dieses Gemälde vermittelt einen intensiven Einblick in die Philosophie und Persönlichkeit des Diogenes. Er ist der wohl bekannteste Kyniker. Ein Kyniker ist kein Zyniker, obwohl beide Begriffe sprachlich verwandt sind. Kynikern und Zynikern ist wohl ihr Skeptizismus gemeinsam, aber mehr fällt mir nicht ein.

Um das Leben des Diogenes, der wahrscheinlich aus Sinope in der heutigen Türkei stammte, ranken sich viele Anekdoten. Es sind keine Schriften von ihm überliefert. Ob er Texte verfasste, ist nicht genau bekannt. Er war ein Schüler des Antisthenes, der den Kynismus begründete, und muss sich in jener Zeit in Athen aufgehalten haben. Antisthenes wiederum war ein Schüler des Sokrates. Die Kyniker strebten ein Leben in Bedürfnislosigkeit an. „Ich besitze nicht, damit ich nicht besessen werde“, ist ein Ausspruch des Antisthenes. „Es ist göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben“, meinte Diogenes. Er härtete sich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch ab. Ich frage mich, was davon wohl schwieriger ist! Dass Besitz auch unfrei macht, ist durchaus bekannt, und in einem von übermäßigem Konsum beherrschten System ist die Weisheit der Kyniker hochaktuell.

Diogenes hatte keinen festen Wohnsitz. Man kann sagen, er war obdachlos, und zwar freiwillig. Er besaß nur einen einfachen Mantel, einen Beutel oder Rucksack mit Proviant und einen Stock. Auch von seinem Trinkbecher und seiner Essschüssel soll er sich getrennt haben. Er schlief und lebte, wie wir heute sagen würden, auf der Straße, übernachtete in Säulenhallen und zeitweise auch in einem Vorratsgefäß, einem Fass. Er trank Wasser und aß rohes Gemüse, Wildkräuter, Früchte und Gerstenbrot. Diogenes wurde als „Hund“ (Straßenköter) geschmäht und fand das, was als Beleidigung gedacht war, gar nicht negativ, sondern passend und nannte sich fortan selbst so. Die Kyniker wurden folglich Hunde genannt.

Im alten Griechenland galt es als anstößig, in der Öffentlichkeit zu essen. Diogenes aber tat das bewusst. Er fand es völlig normal. Regeln und Konventionen hielt er für verzichtbar; sie standen nach Auffassung der Kyniker einem glücklichen Leben entgegen. Deswegen brachen sie absichtlich Tabus. Diogenes masturbierte sogar in der Öffentlichkeit. Die Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse hielt er für natürlich – weshalb sich deswegen schämen? Man ahnt, dass sich die Kyniker mit ihrem Verhalten nicht nur Freunde machten. Sie lehnten Staaten und Gesellschaftsformen grundsätzlich ab, weil sie die Natur und die Gesetze des Kosmos als einzig richtiges System anerkannten. Die Kyniker waren, wie Sokrates, Kosmopoliten. Sie waren subversiv, sie provozierten und brachen Tabus. In Griechenland wurden sie auf Grund ihrer Weisheit anerkannt, obwohl sie polarisierten. Doch später sollten sie auch in politischer Hinsicht Probleme haben.

Diogenes soll, ebenso wie Antisthenes, auch Platon begegnet sein. Zwischen dem großen idealistischen Philosophen und den Kynikern herrschte nicht gerade Freundschaft. Diogenes soll sich über Platons Ideenlehre lustig gemacht haben, und Platon wiederum warf Diogenes vor, er hätte nicht genügend Verstand, um seine Lehre zu erfassen. Er soll ihn einen rasenden Sokrates genannt haben, womit er immerhin noch Positives in ihm sah. Die Kyniker lehnten auch die Dialektik ab und meinten, der gesunde Menschenverstand allein genüge. Aber diesen zu finden war wohl auch nicht ganz einfach. Jacob Jordaens Gemälde stellt eine Szene dar, die sich wirklich so abgespielt haben soll: Diogenes soll am Tage mit einer Laterne in Athen über den Markt gegangen sein, den Leuten ins Gesicht geleuchtet haben und ihnen gesagt haben, er suche einen Menschen. Das war gelebte, demonstrierte Philosophie. Die Kyniker beeinflussten mit ihren Gedanken auch das frühe Christentum, und manche Aussprüche von Antisthenes und Diogenes könnten von Jesus oder seinen Jüngern stammen.

In Korinth soll Diogenes Alexander dem Großen begegnet sein. Alexander hielt Hof und erwartete, dass auch der Philosoph ihn aufsuchen würde. Doch Diogenes kam nicht, sondern hatte es sich draußen in der Öffentlichkeit bequem gemacht. Aus Neugier kam Alexander nun zu ihm und fragte ihn, ob er einen Wunsch hätte. „Geh mir nur aus der Sonne“, soll Diogenes geantwortet haben. Und während sich Alexanders Gefolgsleute über den komischen Kauz amüsierten, antwortete Alexander voller Respekt: „Wenn ich nicht Alexander wäre, würde ich gern Diogenes sein“.

Im Römischen Reich wirkten die Lehren der Stoiker und Kyniker weiter. Während die Kyniker durch die Gegend zogen, auf Straßen und Plätzen auftraten und vom Betteln lebten, war die stoische Philosophie in der Oberschicht angekommen. Schon Cicero hatte griechische Philosophie sehr geschätzt, und besonders unter den konservativen Senatoren, die sich die Römische Republik zurückwünschten, gab es bekennende Stoiker wie Thrasea Paetus, der unter Nero zum Tode verurteilt wurde. Auch Seneca, immerhin Erzieher Neros, erhielt schließlich den Todesbefehl.

Aus den Bürgerkriegen nach Neros Ermordung gingen die Flavier als Sieger und als junge Dynastie hervor. Das Imperium wieder zu stabilisieren, war ein Kraftakt, besonders für Vespasian. Doch die philosophische Senatsopposition gab keine Ruhe. Helvidius Priscus, republikanisch gesinnter Senator, der sich mehrmals gegen die Kaiser stellte, tat sich auch unter den Flaviern hervor. Schon unter Nero war er verbannt worden. Als er Vespasian beleidigte, verlor dieser die Geduld und schickte Helvidius erneut in die Verbannung. Dort ereilte ihn schließlich das Todesurteil. Vespasian soll sein Urteil bedauert haben, aber ob das der Wahrheit entspricht, ist fraglich. Einem anderen Philosophen, dem Kyniker Musonius, soll der Kaiser gesagt haben: „Wenn du auch alles tust, damit ich dich töten lasse, so sage ich dir, dass ich einen bellenden Hund nicht töte.“ Eine passende Anspielung auf die Provokationen der Kyniker! Musonius durfte zwar zunächst in Rom bleiben, wurde dann aber doch verbannt. Vespasian ließ alle Philosophen aus Rom und Italien verweisen. Bedauerlich eigentlich, denn dieser Kaiser war durchaus gemäßigt, volksnah und hatte Humor, aber man muss ihm zugutehalten, dass das Reich damals noch vom Bürgerkrieg geschwächt und die Ordnung fragil war. Vespasian konnte allzu laute Provokateure nicht gebrauchen.

Ein Schüler des Musonius, Dion von Prusa, kam mit Domitian in Konflikt. Schon Titus hatte er kritisiert, und dessen Nachfolger verbannte ihn. Domitian warf ihm Kontakt zu Verschwörern vor. Dion, der in seiner Heimatstadt Prusa Vermögen besaß, zog fortan als kynischer Philosoph durchs Land. Inkognito veröffentlichte er Schriften gegen Domitian, den er zwar nicht namentlich nannte, doch dass jener Herrscher Ziel der Kritik war, konnte sich jeder zusammenreimen. Als Domitian ermordet wurde und Truppen an der Donau, die ihm noch treu ergeben waren, gegen den Senatskaiser Nerva rebellierten, trat Dion vor die Soldaten und konnte sie von einer Meuterei abhalten. Dion kam unter Trajan nach Rom und wurde Freund und philosophischer Berater des Kaisers. Er war Kyniker – vermutlich ein gemäßigter, aber auch Stoiker. Ein Provokateur wie Diogenes hätte unmöglich in Rom bei Hofe auftreten und Reden halten können!

Die Stoiker unter den damaligen Aristokraten lehnten eine Erbmonarchie ab und waren der Meinung, der „Beste“ unter ihnen sollte den Staat lenken. Dies erklärt die hohe Wertschätzung Trajans durch den Senat. Dass das sogenannte Adoptivkaisertum nur eine Notlösung war, wenn es keinen männlichen Thronerben gab, sahen sie nicht – oder sie wollten es nicht sehen. Vielleicht hatte Trajan sogar familiäre Beziehungen zur Senatsopposition. Seine Mutter kann eine Marcia gewesen sein, eventuell eine Verwandte des Marcius Barea Soranus, eines Oppositionellen unter Nero. Aber auch familiäre oder freundschaftliche Beziehungen des älteren Trajan zu Seneca sind denkbar. Seneca werde ich mich in einem gesonderten Text widmen.

Literatur:

Georg Luck: „Die Weisheit der Hunde“, Texte der antiken Kyniker, Kröner, 1997, ISBN 978-3520484017

Hermann Bengtson: „Die Flavier“, Verlag C.H. Beck, München 1979, ISBN 3 406 04018 7

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