Samstag, 25. April 2020

Commodus

Der Regierungsantritt des Commodus im Jahr 180 war mit allgemeinen Hoffnungen verknüpft. Denn der junge Kaiser, achtzehnjährig und wie Antoninus Pius in Lanuvium geboren, stammte von vergöttlichten Eltern ab. Damals war nichts so bedeutsam wie eine vornehme Herkunft. Jener Herrscher ist allerdings auch ein Paradebeispiel dafür, dass die vornehmste Herkunft und gründlichste Erziehung nicht zwangsläufig dazu qualifizieren, einen Staat zu lenken.

Commodus schloss Frieden mit den Markomannen, Quaden und anderen Völkern an der Donaufront. Damit handelte er gegen den Rat der Mitarbeiter seines Vaters. Denn der Krieg war beinahe gewonnen, als Commodus ihn abbrach. Als er im Triumph in Rom einzog, jubelte ihm das Volk zu. Commodus war durchtrainiert und athletisch, hatte blond gelocktes Haar – er soll es mit Goldstaub gepudert haben – und er war an den großen Auftritt schon von Kindesbeinen an gewöhnt. Porträts zeigen Ähnlichkeit mit seinem Vater. Commodus sieht sensibel aus, mit sinnlichem, ein wenig melancholischem Blick. Die antike Biografie der Historia Augusta gibt Beispiele, wonach er schon als Knabe einen schlechten Charakter offenbart haben soll. Vieles davon wird man als typische, nachträglich erfundene Tyrannen-Anekdoten betrachten können. Marcus Aurelius hat ihn sorgfältig erziehen lassen und ihn auch selbst gefördert und angeleitet.

Zunächst hatten die Berater seines Vaters noch Einfluss. Pompeianus, der erprobte Heerführer von Marcus Aurelius und Gatte der Annia Lucilla, zog sich jedoch bald aus der Politik zurück. Lucilla, die Schwester des Commodus, die auch den Augusta-Titel trug, fühlte sich möglicherweise zurückgesetzt. Wahrscheinlich hatte sie höhere Hoffnungen für ihren Gatten gehabt, der auf Grund seiner Erfahrungen wohl ein besserer Herrscher geworden wäre als Commodus. Es muss aber auch Differenzen zwischen ihr und Bruttia Crispina, der Gattin des Kaisers, gegeben haben. Crispina war Enkeltochter des Bruttius Praesens, Senator und Offizier unter Trajan und vor allem Hadrian. Dessen Gattin Laberia (Marcia) Hostilia Crispina war Tochter des Manius Laberius Maximus. Maximus war somit Urgroßvater einer Kaiserin. Commodus und Crispina müssen um 178 miteinander verheiratet worden sein. Bildnisse zeigen eine schöne Frau. Sie wurde nun der Kaiserschwester Lucilla gegenüber bevorzugt. Ob die beiden Damen wirklich so verfeindet waren, wie die Überlieferung feststellt, können wir nicht mehr wissen. Auch zänkische, anmaßende Frauen passen gut ins Tyrannenklischee.

Commodus geriet immer mehr unter den Einfluss seiner Kammerdiener. Das waren Freigelassene, ehemalige Sklaven, die sich allerdings in einer herausragenden Position befanden. Die Abhängigkeit von Freigelassenen kennzeichnet überforderte Herrscher. Commodus war erst ein Jahr in Rom, als ein Anschlag auf ihn verübt wurde. Er sollte im Kollosseum ermordet werden, allerdings nicht in der Arena, sondern in den Kollonaden am Eingang. Der Anschlag misslang, der Mörder wurde von der Garde überwältigt. Lucilla soll in die Verschwörung verwickelt gewesen sein. Sie wurde auf die Insel Capri verbannt und dort der Überlieferung nach ermordet. Der Prätorianerpräfekt Perennis, der die Untersuchungen leitete und die Bestrafungen der Attentäter veranlasste, gewann an Einfluss. Bald überließ ihm Commodus die Regierungsgeschäfte. Das Verhältnis zwischen Kaiser und Senat war seit dem Attentat zerrüttet. Commodus war verunsichert und misstrauisch. Er zog sich zurück und entfernte sich immer mehr von der Realität.

Commodus nahm mehrere Imperatorenakklamationen an. Es gab Kämpfe in Dakien und einen Krieg in Britannien, den Perennis leitete. Der Präfekt setzte senatorische Heerführer ab und gab Rittern die Kommandostellen. Damit nahm er eine Entwicklung in der Spätantike vorweg, denn zunehmend wurden Offiziersstellen mit Rittern besetzt und schließlich ersetzten sie die Senatoren beim Heer.

Ritter durchliefen meist Militärkarrieren. Doch mit seiner Maßnahme machte Perennis sich Feinde in der Führungsschicht des Imperiums. Schließlich wurde er gestürzt. In Britannien brach ein Aufstand aus, der von dem späteren Kaiser Pertinax niedergeschlagen wurde. Es war ein Unding, dass ein Gardepräfekt, ein Ritter, derart in die Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft eingriff, dass der Senat brüskiert wurde. Unter Herrschern, die ihre Aufgaben einigermaßen ernst nahmen, wäre so etwas undenkbar gewesen. An Stelle des Perennis lenkte fortan der Kammerdiener Cleander die Verwaltung des Reiches, was nicht weniger ungeheuerlich war. Commodus tat mehr oder weniger, wozu er Lust hatte. Den antiken Quellen nach schwelgte er in Luxus und sexuellen Ausschweifungen. Auch das gehört zum Tyrannen-Topos.

In den Jahren 187 und 188 gab es eine Epidemie, wohl eine neue Welle der Antoninischen Pest. Commodus zog sich aufs Land zurück. Sein Günstling Cleander wurde gestürzt. In Folge dessen geriet der Kaiser unter den Einfluss seiner Konkubine Marcia. Sie war vertraut mit den Intrigen am Hof. Mit von der Partie war der Kämmerer Eclectus, der ein Verhältnis mit Marcia hatte . Sie setzte sich beim Kaiser für die Christen in Rom ein. Ihr ehemaliger Erzieher Hyacinthus hatte sie wohl geprägt; er war selber Christ. Sie empfing den damaligen Bischof von Rom und dieser setzte durch, dass viele Christen, die in Sardinien zu Bergwerksarbeit verurteilt waren, befreit wurden. Unter jenen Männern soll auch Callistus, ein späterer Bischof, gewesen sein.

Vielleicht geht auch die Verbannung der Bruttia Crispina auf eine Intrige von Marcia zurück. Man verdächtigte sie des Ehebruchs, ein Vorwurf, der immer gut genug war, um Frauen zu beseitigen. Auch sie wurde wie die Kaiserschwester Lucilla nach Capri verbannt und schließlich hingerichtet. Falls Crispina und Commodus Kinder hatten, sind sie wohl frühzeitig verstorben. Marcia trat von nun an fast wie eine Kaiserin auf. Commodus hob völlig ab und ließ sich nach Göttern und Halbgöttern nennen. Vorzugsweise inszenierte er sich als Hercules. Nach einem Brand in Rom wollte er die Stadt in Colonia Commodiana umbenennen. Schließlich änderte er seinen Namen von Marcus Aurelius Commodus in Lucius Aelius Aurelius Commodus. Damit knüpfte er an seinen Onkel Lucius Verus an, dem er sich vielleicht stärker verbunden fühlte als seinem Vater und dem er dem Wesen nach ähnlicher war. Es passiert gar nicht so selten, dass sich Kinder von ihren Eltern abgrenzen, und in gewisser Weise ist das auch nötig.

Doch Commodus muss in seinen letzten Jahren untragbar gewesen sein. Er trat als Gladiator in der Arena auf und wollte gar Konsul und gleichzeitig Gladiator sein. So etwas aber wurde in Rom nicht akzeptiert. Angehörige der Oberschicht konnten in ihrer Freizeit mit Fechtern trainieren, aber sie traten nicht öffentlich als Gladiatoren auf. Der Kaiser war völlig abgehoben. Der Gardepräfekt Laetus, der Kämmerer Eclectus und Marcia organisierten das letzte Attentat auf Commodus. Nachdem Gift seine Wirkung verfehlt hatte, wurde der Kaiser von seinem Trainer Narcissus erwürgt. So ist es überliefert. Commodus wurde nur 31 Jahre alt. Senat und Volk verfluchten sein Ansehen. Auf seine Ermordung folgte ein vierjähriger Bürgerkrieg. Septimius Severus, der sich schließlich als Alleinherrscher durchsetzte, rehabilitierte das Ansehen des Commodus und inszenierte sich als dessen Bruder und somit als Nachfolger der Antoninischen Dynastie.

Der Schauspieler Joaquin Phoenix stellte Commodus in dem Hollywoodfilm „Gladiator“ auf beeindruckende Weise dar und wurde durch diese Rolle berühmt. Aber er hätte ruhig Bart tragen können. Hadrian hatte die Bartmode in Rom wieder etabliert und die Kaiser der Antonine trugen gepflegte Vollbärte.

Literatur:

Historia Augusta: „Antoninus Pius“, Artemis-Verlag Zürich und München, 1976, ISBN 3 7608 3568 6

Hildegard Temporini „Die Kaiserinnen Roms“, Verlag C.H. Beck, München, 2002, ISBN 3 406 49513 3

Wolfgang Seyfarth: „Römische Geschichte, Kaiserzeit 1, Akademie Verlag Berlin (DDR), 1980

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