Freitag, 18. September 2026

Kapitel 1: Fakten und Fiktion

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Marcus Ulpius Traianus, der Vater des späteren Kaisers, stieg entweder unter Kaiser Claudius oder in den ersten Regierungsjahren des Kaisers Nero in den Senat auf. Die Familie stammte aus Italica (heute Santiponce bei Sevilla) in der Provinz Baetica, die etwa dem heutigen Andalusien entspricht. In diesen unruhigen Zeiten – der Prozess setzte schon unter Caligula ein – stiegen immer mehr Männer aus neuen Familien und dem Provinzadel, besonders aus Spanien und Gallien, an die Spitze des Imperiums auf. Ehrgeiz und Zielstrebigkeit zeichnete die „neuen Männer“ aus, die noch frei von der sprichwörtlichen römischen Dekadenz waren.

Über die Mutter Kaisers Trajans ist nichts bekannt. Aus dem Namen der Tochter Marciana wird geschlossen, dass sie Marcia hieß und wahrscheinlich aus einer Senatorenfamilie Italiens stammte. Vielleicht ist sie früh verstorben, aber auch das ist eine Vermutung. Belegt ist Ulpia Marciana, ältere Schwester Kaiser Trajans, die wegen ihrer dynastischen Bedeutung hoch geehrt wurde.

Im Zeitraum 65/66 oder 66/67 verwaltete der Vater Trajans als Prokonsul seine Heimatprovinz Baetica. Es ist möglich, aber nicht belegt, dass der Sohn ihn dorthin begleitete, um mit der ökonomischen Basis der Familie vertraut zu werden.

Sämtliche Bediensteten, Sklaven, Freigelassenen, Gutsverwalter, Kapitäne, Wirte … sind erfunden. Auch Helena, Konkubine des Prokonsuls, ist fiktiv. In der Historia Augusta wird Marullinus, Großvater Kaiser Hadrians, erwähnt. Julius Ursus war ein bedeutender Mann aus dem Ritterstand und Prätorianerpräfekt Kaiser Domitians. Er setzte sich in Rom für Trajan ein. Pompejus Planta, ebenfalls Ritter, war ein Freund Kaiser Trajans, was dieser in einem Brief an Plinius den Jüngeren schrieb. Publius Acilius Attianus, Prätorianerpräfekt der Kaiser Trajan und Hadrian, stammte wie die beiden Kaiser aus Italica in der Baetica. Marcus Cornelius Nigrinus Curiatius Maternus, erfolgreicher Heerführer unter Domitian und im Jahr 97 Konkurrent Trajans um die Herrschaft, stammte aus Liria, Nordspanien. Lucius Licinius Sura, engster Freund und Berater Trajans, war älter als er und stammte aus Celsa in Spanien. Von einem Haus Suras in Hispalis ist nichts überliefert. Dillius Vocula, hier nur erwähnt, wurde im Jahr 69 berühmt und stammte aus Corduba, doch eine Freundschaft mit Sura ist nicht belegt. Das Zusammentreffen all dieser Persönlichkeiten in der Baetica ist fiktiv, wie ja auch der Aufenthalt des späteren Kaisers in der Provinz nicht belegt ist. Auch Charaktereigenschaften, Aussehen und Familienstand der Freunde Trajans sind nicht überliefert. Corduba, heute Córdoba, war Hauptstadt der Provinz, wo sich der Prokonsul auch aufgehalten haben muss. Seneca stammte aus dieser Stadt. Sicher war er den Senatoren und Rittern aus der Baetica bekannt, und sein Tod, den Kaiser Nero befohlen hatte, fiel in die Zeit, als der Vater Kaiser Trajans Prokonsul der Baetica wurde. Mit seiner Bemerkung über den Muttermörder meint Sura Kaiser Nero, der seine Mutter Agrippina im Jahr 59 ermorden ließ.

Ich habe mir vorgestellt, wie ein Aufenthalt des damals Zwölfjährigen in der Provinz hätte verlaufen können. Der spätere Kaiser Hadrian hielt sich als junger Mann dort auf. Er trainierte mit der munizipalen Jugend, was schon eine Vorbereitung auf den Militärdienst war. Seine Leidenschaft für die Jagd lebte er so intensiv aus, dass Trajan, als sein Vormund, ihn dafür tadelte und nach Rom zurückberief. Plinius der Jüngere erwähnt die Vorliebe Trajans für die Jagd in seiner Lobrede, dem Panegyrikus. Falls er sich als junger Mann in der Baetica aufhielt, hat er sicher auch gejagt – das war aristokratischer Zeitvertreib und Sport. Den Unterricht durch einen Grammaticus kann man als selbstverständlich für einen jungen Aristokraten voraussetzen. Der Sohn konnte in der Provinz Einblick in die Verwaltungstätigkeit des Vaters erlangt haben, wozu die Kenntnis seiner Beziehungen, die Inspektion der Güter und die Teilnahme an Gerichtsverhandlungen gehört haben könnten. Fiktiv sind der Centurio Balbus und seine Söhne, ebenso dessen Rechtsstreit mit der Nachbarin. Die ersten Christen sind aus dem Osten des Imperiums belegt, aber es kann sie auch in der spanischen Provinz gegeben haben. Der Apostel Paulus plante eine Reise nach Spanien, aber es ist nicht bekannt, ob sie zustande kam. Von dem Gerücht, die Christen beteten eine gekreuzigte Gestalt mit Eselskopf an, kündet ein Graffito aus Rom. Plinius der Jüngere berichtet, dass Kaiser Trajan Meerfahrten liebte, doch ob er diese Vorliebe schon in der Kindheit entwickelte, wissen wir nicht. Ebenso ist es mit seiner Vorliebe für Austern, als er Kaiser war, doch ob er sie als Kind schon mochte oder nicht, ist nicht überliefert. Ob Trajan je in Gades (Cádiz) war und dort den Tempel des Hercules gesehen hat, ist ebenfalls nicht bekannt. Der Held wurde in der Baetica verehrt. Münzen Kaiser Hadrians zeigen den Hercules von Gades. Eine Station ad pontem gab es zwischen Gades und Corduba.

Fiktiv ist auch der Flirt mit der Gutsverwaltertochter Callista. Von Trajan ist bekannt, dass er Knaben und attraktiven jungen Männern zugetan war. Die Zuneigung zu einem Mädchen war aber deswegen nicht ausgeschlossen. Die römische Aristokratie war in ihren sexuellen Vorlieben breit aufgestellt. Ein Senatorensohn durfte die Tochter eines Freigelassenen nicht heiraten, aber ein Verhältnis wäre möglich gewesen und auch akzeptiert worden.

Ich war in Italica. Der archäologische Park befindet sich bei Santiponce in der Nähe von Sevilla. Er ist absolut sehenswert. Ein Großteil des antiken Italica ist aber unter Santiponce verborgen. Cordoba, ehemals Corduba, und Cadiz, ehemals Gades, sind ebenfalls einen Besuch wert. Vereinzelt sind noch Ruinen aus der Römerzeit zu sehen, aber die Orte haben sich sehr verändert und es ging mir vor allem darum, ein Gespür für sie zu bekommen. Über alle drei Orte habe ich hier im Blog berichtet. Es ist bedauerlich, dass über die Kindheit und Jugend Kaiser Trajans, der zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Antike zählt, so wenig bekannt ist. Als er im Jahr 98 die Alleinherrschaft über das Römische Imperium übernahm, hörte er auf, Privatperson zu sein, und ging – wie Augustus – vollständig in der neuen Rolle auf.

Literatur:

Annette Nünnerich-Asmus. "Traian. Ein Kaiser der Superlative am Beginn einer Umbruchzeit?", darin: "Traian – Der Weg zum Kaisertum", Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-2780-3

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